Kurzgeschichte

Der Albtraum

Es passiert schon wieder! Irgendetwas packt mich grob im Genick und wirft mich in eine dunkle Kiste. Der Boden schwankt, denn sie wird hochgehoben und unsanft auf die Ladefläche eines Autos geschleudert. Das Fahrzeug setzt sich in Bewegung. Ich weiß, was jetzt kommen wird und verkrieche mich panisch in einer Ecke der Kiste. Aber das nützt nichts. Auch das weiß ich, aber ich mache es trotzdem. Jedes Mal wieder. Dann halten wir an. Vielleicht hatte ich die Hoffnung, dass die Fahrt ewig dauern könnte. Aber auch das bleibt eine Illusion.

Der Deckel der Kiste öffnet sich und man schüttet mich kopfüber in ein dunkles Loch. Das kenne ich. Hier war ich schon. Und nicht nur einmal. Es riecht nach Angst, Urin und Verzweiflung. Ein Teil des Gestankes ist von mir. Ich kann aber auch die Ausdünstungen eines Anderen erkennen. Ein Leidensgenosse? Es ist sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen. Er hat genau so wenige Chancen wie ich, aus diesem Albtraum zu entkommen. Und weil ich weiß, was jetzt passieren wird, kaure ich mich in die hinterste Ecke dieses widerlichen Gefängnisses. Ich will es nicht, aber ich merke wie sich meine Blase entleert. Jetzt sitze ich in meiner eigenen Pfütze. Doch ich habe keine Zeit, mich vor mir selber zu ekeln.

Er kommt! Ich höre meinen Peiniger schnaufen und knurren. Er kann meine Angst riechen und nähert sich mir mit geiferndem Gebrüll. Kurz bevor er seine Zähne in mein Fleisch schlagen kann, stoppt ihn ein Gitter. Das macht ihn noch viel wütender. Ich kann seinen Atem spüren und sein Speichel spritzt mich an. Wenn das Gitter nicht wäre, würde er mich zerreißen! Wie immer habe ich Angst, dass es nicht hält. Mein Herz klopft, als wolle es zerspringen. Voller Panik schließe ich die Augen.

Auf einmal ist alles vorbei. Mein Widersacher scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Nur noch von weiten höre ich sein Protestgeschrei. Man packt mich, stopft mich erneut in die Transportkiste und wir fahren zurück. Dort wirft man mich in meinen altbekannten Käfig und überlässt mich meinen widerstrebenden Gefühlen. Ich weiß, momentan bin ich in Sicherheit. Ich bin gefangen, aber nicht in unmittelbarer Gefahr. Jetzt ist Zeit, dass ich mich ausruhen kann, sagen sie. An ihrem Grinsen erkenne ich, dass sie bald wieder kommen werden, um mich erneut zu holen.

Ich verkrieche mich in der hintersten Ecke meiner Hütte, rolle mich zusammen und versuche zu schlafen. Wenn ich es mir ganz doll wünsche, wache ich vielleicht nie wieder auf, weil mein Herz einfach stehen bleibt.

Auszug aus dem Tagebuch eines Fuchses, der in einer Schliefenanlage zum Abrichten von Hunden benutzt wird.

P.S. Die Schliefenanlage des Pritzwalker Jagdvereins befindet sich in Streckenthin und die Füchse „erholen sich von ihrer Arbeit“ im hiesigen Streichelzoo.

fuchs

Bildquellenangabe: Renate Tröße  / pixelio.de
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Kurzgeschichte

Dreiklang: Drei Worte – Drei Genres (2)

Das habe ich nun davon – ich wollte ja unbedingt ein Mitmach-Projekt!
Darum habe ich auf meiner Facebook-Seite einen Aufruf gestartet bei dem ich jeweils 3 Begriffe suche. Bekommen habe ich diese Wörter:
Surfbrett, Achterbahn, Hasenstall, Lebewesen, Badewanne, Birkenfeige, Werkzeuge, Sperrmüll, Autoreifen, Sonnenbrille, Sonnenstuhl, Baguette, Rotwein, Iltisbau, Wlan-Router, Küchenreibe, 
Mein Dank geht an: Diana Richter, Birgit Geiger, Ute Dippel, Martina Kastrati und Karin Toedtloff
Ehrlich gesagt hatte ich mit Badewanne, Werkzeuge und Rotwein am liebsten gearbeitet.
Aber was habe ich gelost?
Achterbahn, Birkenfeige und (Haltet euch fest!) Iltisbau! 
Und dabei sitzt mir heute die Zeit im Nacken und ich muss mich beeilen, weil ich noch andere Aufgaben zu erledigen habe. Also an die Arbeit!
1. Liebesroman
Edith schloss die Tür zu der Wohnung im Dachgeschoss auf. Ein penetranter Geruch kam ihr entgegen. Das roch ja hier wie im Iltisbau! Sie unterdrückte den Würgereiz und stürmte zum nächsten Fenster, um es weit aufzureißen. Aufatmend lehnte sie sich hinaus und riss erstaunt die Augen auf. Natürlich hatte sie gewusst, dass sie sich im letzten Haus in der Straße befand, aber mit diesem Anblick hatte sie nicht gerechnet. Ihr Blick fiel auf einen etwa 20 Meter breiten Streifen einer wilden Wiese und danach begann der Wald. Dort standen Tannen, die waren höher als das Fenster der Mansardenwohnung, aus dem sie blickte. Ein Duftgemisch aus feuchter Erde, Harz und etlichen Nuancen, die sie nicht benennen konnte, wehte zu ihr herüber. Sie seufzte tief. Für diesen Ausblick schien es sich tatsächlich, gelohnt zu haben, dass sie diese Behausung ohne vorherige Besichtigung gemietet hatte. „Wer macht denn schon so was Bescheuertes?“, glaubte sie, die Stimme ihrer Mutter zu hören. „Nun dreh dich schon um und schau dir an, in was für einer Bruchbude du gelandet bist.“, höhnte es in ihrem Kopf weiter. Energisch schüttelte Edith den Kopf, ganz so als könne sie die bösen Gedanken vertreiben. Nach einem letzten Blick auf den Wald wandte sie sich um. Zumindest wollte sie am Fenster stehen bleiben, bis sie sich etwas an den Gestank gewöhnt hatte. In ihrer Panik beim Hereinkommen war sie in der Küche gelandet. Hier gab es nur einen Herd, einen uralten Schrank, einen Tisch mit zwei Stühlen und eine Spüle. Dort schien auch die Ursache des furchtbaren Geruchs herzukommen. Sie wagte einen Schritt nach vorn und spähte vorsichtig in das rechte Becken. Tatsächlich. Dort stand ein Topf mit irgendetwas Undefinierbaren, dass anscheinend dabei, war in flauschiger Pilzform über den Rand zu wachsen. Na wenigstens war es kein totes Tier, was da verweste, sondern nur das vergessene Essen des Vormieters. Erleichtert wagte sie sich durch den quadratischen Flur in das Zimmer, welches wahrscheinlich als Wohnzimmer gedacht war. Es war bis auf eine vollkommen vertrocknete Birkenfeige leer. Auch das Minibad mit Toilette und Dusche bot zu Glück keine weiteren unangenehmen Überraschungen.
Das Ganze war nicht toll und auf keinen Fall mit ihrer bisherigen Wohnung zu vergleichen. Aber alles erschien ihr besser, als noch weiter mit Max zusammen zu wohnen. Falls sie die Ärmel hochkrempelte und etwas putzte, dann könnte sie hier die nächsten Tage gut überleben. Und wenn sie erst einmal diesen ekligen Topf entsorgt hätte, dann würde sicher auch der Gestank verschwinden. Immerhin konnte sie das Fenster Tag und Nacht offenlassen. Wer bei ihr einsteigen wollte, der müsste schon ein geschickter Fassadenkletterer sein.
Noch am Abend desselben Tages wuchtete Edith einen schweren Koffer nach oben. Er enthielt neben einigen Wechselsachen eine Luftmatratze. Auf der würde sie in den kommenden Nächten schlafen. Es lohnte sich nicht, ein Bett aufzustellen. In weniger als drei Wochen war sie weg. Weg aus dieser Stadt, weg aus diesem Land.
Nachdem sie ihr Schlaflager aufgebaut hatte, ging sie in die Küche und goss sich ein Glas Wasser ein. Sie setzte sich an den Tisch und holte einen Brief aus ihrer Jeans. Er war zerknittert und zerrissen. Als sie ihn glättete, fuhren ihre Gefühle Achterbahn. Max hatte ihn geöffnet, weil er sich wunderte, wieso sie einen Brief aus Dänemark bekam. Was er dort zu lesen bekam, gefiel ihm nicht. Er bekam auf der Stelle einen seiner gefürchteten Wutausbrüche. Bisher waren seine Brüllattacken zwar unangenehm gewesen, aber sie waren nicht in Handgreiflichkeiten ausgeartet. Diesmal war es anders. Er packte und schüttelte sie, während er schrie. Noch nie hatte sie solche Angst verspürt. Hals über Kopf rannte sie davon. Zum Glück wusste sie von dieser Mansardenwohnung, die den Eltern ihrer Freundin Karin gehörte. Es brauchte nicht viel Überredungskunst, den Schlüssel zu bekommen. Man sah ihr an, dass sie keinesfalls in die gemeinsame Wohnung zurückkehren konnte. Zu ihren Eltern konnte sie nicht, denn ihre Mutter vergötterte Max und sah nicht einen seiner Fehler. Sie würde sie postwendend zurückschicken und war noch nie eine Hilfe gewesen, wenn es um die zahlreichen Streitigkeiten zwischen dem jungen Paar ging. Sie stand immer auf der Seite ihres Schwiegersohnes in spe, wie sie Max liebevoll nannte. Wie es Edith in dieser Beziehung ging, war ihre egal. Ein Doktor und eine Kindergärtnerin. Da solle sie doch froh sein, einen solchen Mann zu bekommen!
Innerlich hatte sich Edith schon lange aus dieser Beziehung verabschiedet, auch wenn ihr der letzte Schritt noch schwerfiel. Um einen Schnitt zu machen, bewarb sie sich daher auch heimlich in einem dänischen Kinderheim. Und genau diese Zusage war Max in die Hände gefallen. Irgendwie war es ja auch verständlich, dass er sich hintergangen fühlte. In weniger als drei Wochen würde sie ihren neuen Job in einem anderen Land antreten.
Ob der Chef, der sich als Lars vorgestellt hatte, auch so nett war, wie er über Skype rüber kam? Mit diesem Gedanken legte sie sich auf ihr provisorisches Nachtlager und schlief sofort ein. Sie träumte vom Meer, von lachenden Möwen und einem blonden Dänen, der sich schon ein wenig in ihr Herz geschlichen hatte.
2. Krimi
Kommissar Medved grummelte wütend vor sich hin. Wieso hatte er sich bloß dazu überreden lassen, wieder einmal den tollen Papa zu spielen? Während seine Tochter und ihre affige Freundin eine Attraktion nach der anderen auf dem Rummelplatz ausprobierten, stand er sich hier die Beine in den Bauch. Er wäre viel lieber mit Lisa allein gewesen, hätte sich mit ihr unterhalten und die gemeinsame Zeit für etwas genutzt, was wirklich gut für eine Vater-Tochter-Beziehung war. Stattdessen zog er mit zwei Halbwüchsigen von Bude zu Bude. Die Mädchen waren heute wieder einmal nicht zu bremsen. Sie kicherten und gackerten die ganze Zeit. Und alles mussten sie ausprobieren. Achterbahn,Riesenrad, Gespensterbahn. Und er konnte bezahlen. Die Preise waren ja ganz schön saftig! Wer hier mit drei oder mehr Kindern hinging, der konnte ein kleines Vermögen auf dem Platz lassen. Zwei Kinder reichen auch schon, um jemanden in den Ruin zu treiben, dachte er missmutig, und beobachtete wie die Beiden sich am Schießstand drängelten. So ein Schwachsinn! Geld ausgeben für Papierblumen, die dann doch über kurz oder lang im Müll landen würden. Oder noch schlimmer. Nach dem letzten Rummelbesuch hatte seine Tochter den Ficus in seinem Büro mit den albernen Blumen geschmückt. Die Kollegen hatten ihn tagelang aufgezogen, womit der denn seine Birkenfeige gedüngt hätte, dass sie Blüten trägt. Medved verzog das Gesicht. Doch er riss sich zusammen, als die Mädchen zurückkamen und lächelte gekünstelt. „Na habt ihr Spaß“, fragte er und wollte die Antwort eigentlich gar nicht wissen. „Jetzt gehen wir zur Wahrsagerin“, flüsterte seine Tochter aufgeregt und zog ihn mit sich fort. „Auch das noch!“, murmelte er, als er den saftigen Preis für zwei Tickets bezahlte. Es dauerte etwa zehn Minuten, als die kleinen Gänse wieder kichernd aus dem Zelt der Sibylle kamen. Was für ein schönes Leben doch auf sie warten würde, schnatterten die Mädchen aufgeregt. „Papa, du musst unbedingt auch hinein gehen!“, forderte ihn sein Kind auf. „Oh ja, oh ja“, fiel die Freundin ein. Der Kommissar wusste, dass er keine Chance gegen die Beiden hatte, bezahlte und schob seufzend den Zelteingang beiseite. Drinnen war es genauso, wie er es erwartet hatte. Eine Frau unbestimmbaren Alters, mit bunten Kleidern und übermäßig viel falschem Schmuck behangen, saß hinter einem Tisch mit einer Glaskugel. Medved nahm ihr gegenüber Platz und schüttelte sich innerlich. Auf ihrer Schulter saß ein Frettchen. In der Scheune seines Elternhauses hatte einmal ein Iltis gewohnt. Als das Gebäude irgendwann abgerissen wurde, hatte der längst verlassene Iltisbau immer noch fürchterlich gestunken. Wie konnte man sich nur freiwillig mit so einem Tier abgeben? Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, hatte die Wahrsagerin seine Hand genommen und hineingeblickt. „Du stellst die falschen Fragen“, meinte sie zu ihm. Er sah sie erstaunt an. Was meinte sie damit? „Es geht nicht immer um Geld. Was ist manchen Menschen wichtiger als Reichtum?“ Die Hexe schwieg eine Weile und lies seine Hand los. „Warum bist du mit den Mädchen auf den Rummelplatz gekommen?“ Er antwortete nicht. „Du wolltest der Gute sein, der Papa der Kinderträume erfüllt. Es sollte perfekt nach außen sein. Wenn Lisa nach Hause kommt, soll sie deiner geschiedenen Frau erzählen wie toll, der Nachmittag mit ihrem lieben Vati gewesen ist.“ Woher wusste sie, dass er geschieden war und wie seine Tochter hieß? Doch dann begann er über seine Naivität den Kopf zu schütteln. Natürlich. Die Kinder waren doch vor ihm bei der Wahrsagerin gewesen! Beinahe wäre er auf diese Betrügerin reingefallen. Doch da für sie schon fort: „Ich weiß, dass du lieber in deinem Büro sitzen würdest, um an dem Fall der ermordeten Frau vom Vorstandsvorsitzenden Krämer zu arbeiten. Aber du wolltest den Schein aufrechterhalten, dass dir deine Verpflichtungen dem Kind gegenüber wichtiger sind. Obwohl es nichts bringt, wenn diese fürchterliche Babsi mit dabei ist. Und genau das ist es, was manche Menschen dazu treibt, Sachen zu machen, die nicht richtig sind. Nach außen soll alles perfekt sein. Und dafür verbiegen sich einige Leute und andere Typen gehen sogar über Leichen.“ Medved stand auf. Es reichte ihm. Natürlich war in der Tageszeitung ein ausführlicher Bericht über den Mord an der Industriellengattin gewesen. Sicher wusste die Alte daher, dass er die Ermittlungen leitete. „Betrügerin“, murmelte er noch im Hinausgehen. Doch die Frau rief ihm hinterher: „Vielleicht wusste der Krämer das von dem Reitlehrer und seiner Frau? Hast du das Mal in Erwägung gezogen? Wie ich sagte: Die Menschen machen so einiges, um den Schein zu wahren.“
Der Kommissar stutzte. Bisher waren er und seine Kollegen davon ausgegangen, dass Frau Krämer das Opfer eines Raubmordes gewesen sei. Hauptverdächtiger war der Reitlehrer, denn bei ihm fand man eine wertvolle Kette der Toten und eine ihrer Kreditkarten. Was aber, wenn man ihm das untergeschoben hatte? Medved rieb sich das Kinn. Der Reitlehrer war ziemlich am Boden zerstört, als man ihm mit dem Mord an seiner Schülerin konfrontierte und regelrecht zusammengebrochen. Vielleicht war das kein Schuldgeständnis, wie man vermutete? Sein Alibi war nicht ganz wasserfest, denn er arbeitete zur Tatzeit allein in der Reithalle, um ein neues Pferd zu trainieren. Wo aber war Krämer gewesen, der jetzt den trauernden Hinterbliebenen spielte. Vielleicht sollte er seine weiteren Ermittlungen in diese Richtung lenken? In seiner Laufbahn war es oft genug vorgekommen, dass es nicht so war, wie es auf den ersten Blick aussah.
Mit den maulenden Mädchen im Schlepptau strebte Kommissar Medved rasch dem Ausgang zu.
3. Fantasy
Marla schüttelte sich vor Ekel. Da hatte sie doch tatsächlich in eine Kröte gefasst! Was für eine blöde Idee das Artefakt ausgerechnet in einem Iltisbau zu verstecken! Jeder in ihrer Familie wusste, dass die kleinen Räuber diese warzigen Lurche mit einem Nackenbiss lähmten und dann fangfrisch in ihren Vorratslagern aufbewahrten. Ihr Vater war Spezialist für alle Raubtiere des heimischen Waldes, die kleiner als ein Fuchs waren. Er konnte stundenlang darüber erzählen, ohne dass es den Zuhörern langweilig wurde. Doch jetzt war er schon über zwei Jahre tot und seine Stelle versuchte gerade dieser unsympathische Rudolf einzunehmen. Der wollte Rudi genannt werden und sich alles unter den Nagel reißen. Die Mutter, das Haus und natürlich auch die Besitztümer, die einmal Marlas Vater gehört hatten. Das, was sie jetzt suchte, hatte sie gerade noch vor ihm in Sicherheit bringen können. Vor einigen Wochen ging er ins Arbeitszimmer ihres Vaters, stellte seine Bücher ins Regal und belegte den Schreibtisch mit Beschlag. „Was kuckst du so?“, fuhr er sie an, als sie ihm entsetzt dabei zusah. „Das ist jetzt mein Büro. Hier werde ich arbeiten, wenn ich bei euch eingezogen bin.“ Dann eilte er mit wichtiger Miene nach draußen, um einen Karton mit seinem Schreibkram zu holen. Diese kurze Zeit hatte Marla genutzt um das kleine silberne Kästchen vom Regal zu nehmen und im Topf der riesigen Birkenfeige, die in der Zimmerecke stand, zu verbergen. Es war Sommer und sie hatte nur einen kurzen Rock und ein leichtes Top an. Da gab es nichts, wo sie den wertvollen Schatz hätte verstecken können. Zum Glück war die Erde des Ficus mit Moos bedeckt, unter das sie das Kästchen schieben konnte. Er durfte es auf keinen Fall in die Hände bekommen. In der Nacht darauf war sie aufgestanden und hatte das Artefakt geholt und im Iltisbau versteckt. Dummerweise war diese Stelle, in der sie jetzt herumtastete, vor einer Woche noch leer gewesen. Daher hatte sie gedacht, dass es ein prima Aufbewahrungsort sei.
Sie überwand ihren Ekel vor den gelähmten Kröten und tastete weiter. Endlich spürte sie etwas Metallisches. Da war es! Marla wischte es mit dem Ärmel ihrer Strickjacke sauber. Vor Kurzem war ein kräftiger Regenguss heruntergekommen und die Luft war sauber und kühl. Der Vollmond stand hell und tröstend am Himmel. Es war genau die richtige Zeit und das passende Wetter. Jetzt durfte sie keine Zeit mehr verlieren. Wenn man sie vermissen und nach ihr suchen würde, dann konnte sie die Sache vergessen. Es würde ewig dauern, bis alle nötigen Gegebenheiten wieder so ideal für ihr Vorhaben waren. Und vielleicht nahm man ihr auch noch das Kästchen ab. Mit raschen Schritten eilte sie in den Wald. Der Mond leuchtete zwischen die Bäume, aber auch ohne seinen Schein hätte sie den Weg gefunden. Sie war ihn sicher schon tausendmal gegangen. Nach etwa einer halben Stunde blieb sie auf einer Lichtung stehen. Sie holte tief Luft und warf einen letzten Blick auf das Artefakt. Was für eine komische Bezeichnung für so ein Kästchen, dachte sie nicht zum ersten Mal. Ihr Vater hatte es so genannt. Als er krank wurde, zeigte er es ihr und erklärte, was sie damit machen sollte. Wenn das Wetter und der Mond günstig wären, könnte ihr dieses auf den ersten Blick recht unscheinbare Teil aus großer Not helfen. Das war jetzt aber auch wirklich nötig. Rudi und ihre Mutter hatten vor einer Woche geheiratet. Gestern Abend war sie, weil sie nicht schlafen konnte, noch in die Küche gegangen, um sich etwas zu trinken zu holen. In den Tagen vor und nach dem Vollmond bekam sie immer Probleme mit dem Einschlafen. Dabei ging sie an der angelehnten Tür des Wohnzimmers vorbei und hörte, wie Rudi ihre Mutter überzeugen wollte, Marla in ein Internat zu geben. Sie sollte fort von hier! Der Wald, die Tiere und das Grab ihres Vaters waren doch alles, was ihre Welt ausmachte. Niemals würde sie in eine Schule für Mädchen gehen! Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie lief weg oder sie probierte diese Sache aus, von der sie so gar nicht überzeugt war. Was soll es, dachte sie sich und öffnete das Kästchen.
Da drinnen lag ein winziges Ei. Marla sah sich suchend nach einer geeigneten Stelle um. Es müsse weiches, feuchtes Moos sein, das vom Schein des Vollmondes wie Silber glänzen würde, hatte Vater gesagt. Nach kurzer Zeit entdeckte sie den perfekten Platz und legte das kleine Ei dort ab. Dann stach sie sich mit der mitgebrachten Nadel in den Finger und ließ drei Blutstropfen auf die makellose weiße Schale fallen. Diese veränderte sich augenblicklich und schien Risse und Brüche zu bekommen. Gleichzeitig blähte sich das Ei auf. Sie trat erschrocken einen Schritt zurück. Es schien tatsächlich zu funktionieren. Als das Ei ungefähr die Größe eines Fußballs hatte, veränderte es sich erneut. Die Schale wurde dunkel, fast schwarz und schient trotzdem von innen zu leuchten. Jetzt war die Zeit gekommen um die magischen Worte zu sprechen. Hoffentlich verwechselte sie nichts. Vor Aufregung schien ihr Magen Achterbahn zu fahren. Sie schlucke und sprach dann mit zitternder Stimme, die drei Verse aus dem Buch der Schatten, die ihr Vater ihr beigebracht hatte.
Als sie fertig war, geschah zuerst einmal nichts. Marla wollte schon verzweifeln. Hatte sie etwas verdreht oder falsch ausgesprochen? Doch dann gab es einen leisen Plopp, das Ei zerbrach und heraus kam ein seltsames kleines Fabelwesen. Es sah aus wie eine Katze mit drei Schwänzen, hatte Flügel und den Kopf eines Fisches. „Hallo Marla“, sagte es mit heiserer Stimme. „Wird ja Zeit, dass du mich endlich aufweckst. Ich hatte schon viel früher mit dir gerechnet. Warum hast du diesen schrecklichen Rudi überhaupt so lange ertragen?“
Dem Mädchen fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Wer bist du? Oder was bist du?“ Das seltsame Geschöpf sah an sich herunter, grinste, soweit ein Fischmaul grinsen kann, und schüttelte sich dann. Sogleich verwandelte es sich in ein kleines Männchen. „Ich bin ein Kobold, der sich gern einmal einen Scherz erlaubt. Gibt zu, du hast nicht schlecht gestaunt, als du dieses dreischwänzige, geflügelte Katzenfischdings erblickt hast. Mit meiner echten Gestalt hinterlasse ich niemals so einen gewaltigen Eindruck.“ Der kleine Kerl grinste geradezu unverschämt. Doch dann verbeugte er sich „Mein Name ist Arlo. Ich bin ein Freund deines Vaters und ich bin gekommen, um dich nach Rosenhort zu begleiten.“
„Ich verstehe gar nichts“, meinte Marla, als sie von fern Rufe durch den Wald schallen hörte. „Sie suchen nach dir“, meinte Arlo. „Es ist Zeit, das wir verschwinden.“ Er wandte sich um und lief schneller, als man es ihm je zutrauen würde, davon. „Kommst du? Oder willst du doch ins Internat?“, rief er ihr über die Schulter zu. Das Mädchen schüttelte den Kopf und folgte dem Kleinen, der schon fast hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden war. Es war verrückt, das zu tun! Aber alles war besser als ins Internat zu müssen.
Kurzgeschichte

Dreiklang: Drei Worte – Drei Genres (1)

Heute: Teetasse, Kleid, Magen

1. Liebesroman:

Karla zog ihr Kleid aus und warf es wütend in die Ecke. Wofür hatte sie sich nur all diese Mühe gegeben? Es war wie verhext! Die Typen aus dem Internet entpuppten sich alle als Spinner, Machos oder Mogelpackung. Das war jetzt ihr fünftes Blinddate und jedes Mal wurde sie frustrierter. In der Fernsehwerbung gaukelten sie den Zuschauern Männer vor, die nach einer echten Beziehung suchen würden. Und was hatte das Leben in Wahrheit zu bieten? Der schmierige Kerl heute, der keineswegs Ähnlichkeit mit seinem Profilbild hatte, wollte sie doch glatt am ersten Abend zu einem flotten Dreier einladen. So eine Unverschämtheit! Dabei hatte er unter der Überschrift „Meine Vorstellungen von einer Partnerschaft“ solche Worte wie monogam und Treue angekreuzt. Eine bodenlose Frechheit! Sie konnte sich gar nicht beruhigen und murmelte unablässig vor sich hin, während sie Teewasser aufsetzte.
Kurz bevor das Wasser kochte, klingelte es. Wer war denn das nun noch! Sie konnte jetzt wirklich niemanden gebrauchen. Höchstens, um ihren Frust abzulassen. Immer noch aufgebracht, stampfte sie zur Tür und riss sie auf. Wenn da jetzt die Zeugen Jehovas standen, die könnten was erleben!
Aber es war nur Johannes, ihr Nachbar, der sie mit schief gelegtem Kopf ansah. „Ist wohl nicht so gut gelaufen?“, meinte er mit einem Blick auf ihr Gesicht. Mit einer Handbewegung bat sie ihn herein und brummelte, ob er auch eine Tasse Tee wolle. Ohne auf seine Antwort zu warten holte sie einen zweiten Becher aus dem Schrank und warf einen Teebeutel hinein. Er sah ihr schweigend zu, wie sie das Wasser aufgoss. Irgendwie tat seine Nähe gut und Karla merkte, wie sie sich langsam beruhigte. „Nee, war voll der Reinfall“, gab sie kleinlaut von sich.
„Hey Karla-Mädchen, nimm das nicht so schwer. Vielleicht ist die ganze Sache mit dem Internet nicht so wirklich dein Ding. Versuch es doch mal im echten Leben.“
„Wie soll ich denn irgendwann irgendwo irgendwem kennenlernen, der zu mir passt?“, fauchte sie zurück. „Ich arbeite in Schichten als Altenpflegerin. Entweder bin ich auf Arbeit oder müde. Und die Sache mit dem Single-Urlaub habe ich auch schon ausprobiert. War genauso ein Reinfall!“
Er hielt seine Tasse hoch und pustete, als ob ihm der Tee zu heiß wäre. „Kennst du Goethe?“, murmelte er leise.
„Was ist das jetzt für eine Frage? Na klar!“
Johannes holte tief Luft: „Warum in die Ferne schweifen.. „
Der Blick aus seinen Augen traf sie unvermittelt und fuhr wie ein Stich in ihren Magen.
„Meinst du: das Gute liegt so nah?“, fragte sie heiser, während sie verlegen in ihrer Teetasse rührte.
Er nickte. Und als sie nichts sagte, murmelte er etwas von „nur so einer Idee“ und drehte er sich mit einem entschuldigenden Schulterzucken zur Tür.
„Warte“ rief sie, fasste ihn bei der Hand und zog ihn zurück. „Das ist keine schlechte Idee“ grinste sie und fiel ihm um den Hals.

2. Krimi

Kommissar Sören Goldberg betrachtete nachdenklich die Witwe des Opfers. Sie sah wie eine Elfe aus. So zart und rein. Allerdings wirkte sie auf den Beamten wie ein geschundenes Fabelwesen. Auf ihrer rechten Gesichtshälfte zeichnete sich ein regenbogenfarbiger Bluterguss ab. Ihre Hände, die eine Teetasse hielten, zitterten leicht. Das war kein Wunder, war sie doch erst vor kurzem einem Anschlag, der ihren Gatten das Leben gekostet hatte, knapp entgangen. Jemand hatte die Bremsen seines Autos manipuliert, so dass es beim Fahren über die Serpentinen am nahegelegenen Germanpass aus der Bahn geriet und in den Abgrund stürzte. Das Maria Richard aus dem Auto geschleudert wurde, rette sie vor dem sicheren Tod.
Rudolf Richard galt als kein angenehmer Mensch. Als Bauunternehmer war er skrupellos, als Arbeitgeber ein Sklaventreiber und angeblich hätte er sogar Beziehungen zur Mafia unterhalten. Es gab also jede Menge Verdächtige. Allerdings machte sich Kommissar Goldberg kaum Hoffnungen, dass man den Täter je finden würde. Die hiesige Polizei war überfordert. Und wenn der Verbrecher tatsächlich aus Mafiakreisen kam, hatte man kaum eine Chance ihn zu überführen. Die Typen waren einfach zu clever, dachte er zerknirscht. Wider besseren Wissens, versicherte er der Witwe, dass man den Mörder finden und zur Rechenschaft ziehen würde. Er erhob sich, um sich zu verabschieden, als die Tür aufgerissen wurde. Herein stapfte eine junge Frau in Jeans und Schlabberpullover, die die Anwesenden mit einem verächtlichen Blick musterte. Martha Richard war die Tochter des Opfers aus erster Ehe. Goldbergs Blick wechselte zwischen den Frauen hin und her. Manchmal schreibt das Leben die besten Geschichten, dachte er. Unterschiedlicher hätten sie nicht sein können, obwohl die Ungleichheit nicht so sehr im Alter lag. Richard hatte sich nach dem plötzlichen Tod seiner Frau schnell mit Tochter einer seiner Angestellten getröstet. Maria und Martha. Wie in der Bibel. Sanft weich und blond, die Eine. Hart, dunkelhaarig und mit wildem Blick, die Andere. Über die Beziehung der Eheleute und das Verhältnis der beiden Frauen zueinander war der Öffentlichkeit und auch der Polizei nichts weiter bekannt. Der Bauunternehmer hatte sein Privatleben fest unter Verschluss gehalten.
Als der Kommissar Martha erklärte, dass er im Gehen sei und sich gerade von ihrer Mutter verabschieden wolle, erntete er nur ein verächtlich hingeworfenes Wort. „Stiefmutter“. Sie spie es geradezu aus. Goldberg warf der Witwe einen mitfühlenden Blick zu, die unter dem Wort zusammengezuckt war.
„Was werden Sie jetzt tun?“, fragte er mit sanfter Stimme.
Ein Seufzen folgte. „Mein Mann hat ein Anwesen in der Toskana, dorthin werde ich mich zurückziehen, bis ich die ganze Sache verarbeitet habe.“
„Und nach und nach alles Wertvolle verkaufen!“, höhnte Marthas Stimme durch den Raum. „Glaub ja nicht, dass ich dir das durchgehen lasse. Ich werde dich begleiten und ein Auge auf dich haben.“
Goldberg bekam ein ungutes Gefühl im Magen. Natürlich würde es einen unerbittlichen Streit ums Erbe geben. Da wollte er nicht mit hineingezogen werden, selbst für so ein feenhaftes Wesen wie Maria nicht. Er verabschiedete sich schnell und lies die Frauen allein.
Auf der Straße warf er noch einen letzten Blick zurück zum Haus. Vielleicht war es Einbildung, aber er glaubte Maria Richard hinter einem der Fenster zu erkennen. Sie tat ihm leid. So eine Stieftochter hatte sie sicher nicht verdient. Aber das war nicht sein Problem. Er schüttelte den Kopf, startete sein Auto und fuhr los.
Dem davonfahrenden Wagen folgten nicht zwei, sondern vier Augen. Martha stand dicht hinter Maria und legte ihr besänftigend die Hände auf die Schultern, als diese seufzte.
„Es ist überstanden. Jetzt lass uns abhauen!“ Die blonde Frau nickte, eilte ins Nebenzimmer, zog ihr Kleid aus und warf es achtlos in einen Koffer. Dann stieg sie in Jeans und Sweatshirt und war jetzt ähnlich gekleidet wie ihre Stieftochter. Sie nahm den Koffer und eilte in die Garage.
Martha wartete auf der Rückbank des Mercedes und lächelte ihr aufmunternd zu. „Es bleibt alles wie abgesprochen.“ Als Maria das Gepäck verstaut hatte und den Motor startete, warf sich die Andere die bereitgelegte Decke über den Kopf und wurde für eventuelle Beobachter unsichtbar. Das Garagentor öffnete sich automatisch, der Wagen verließ das Gelände und fuhr Richtung Autobahn. Die Fahrerin wählte die Auffahrt in Richtung Süden. Auf der Rückbank blieb es still. Nach fast einhundert Kilometern fuhr das Auto ab und bog auf eine Landstraße in Richtung Osten ein. Martha hatte sich inzwischen aufgesetzt und die Decke beiseitegelegt. Die beiden Frauen sprachen immer noch kein Wort.
Eine Stunde später brach Maria das Schweigen. „Hier?“, fragte sie leise. Martha nickte. Als ihr einfiel, dass man das beim Autofahren nicht sehen konnte, flüstere sie: „Ja. Dort ist das REWE-Schild. Jetzt drück bloß die Daumen, dass das Auto noch da ist.“ Ihre Stimme war heiser vor Aufregung. Als sie den grauen Skoda auf dem Parkplatz entdeckte, seufzte sie vor Erleichterung.
Maria bog in die Einfahrt und warf ihr einen aufmunternden Blick über den Rückspiegel zu. „Ich habe es doch gesagt. Wer klaut schon Skodas?“
Die beiden Frauen griffen nach den Basecaps, die auf dem Beifahrersitz lagen, zogen die Schirme ins Gesicht und versteckten ihre Augen hinter großen Sonnenbrillen. Nun hätte man sie glatt für Schwestern halten können, denn ihre Haare waren vollständig unter den Kopfbedeckungen verschwunden. Marias Bluterguss war durch diese Vorsichtsmaßnahmen kaum noch zu erkennen. Sie verließen den Mercedes, ohne ihn abzuschließen, und schlenderten auf den Supermarkt zu. Anstatt hineinzugehen, bogen sie jedoch um die Ecke und fütterten den dort aufgestellten Automaten mit Kleingeld um Kaffee und Schokonüsse zu ziehen.
Sie setzen sich in den Schatten auf eine Mauer und beobachteten den Betrieb auf dem Parkplatz. Wieder war es Maria, die zuerst etwas sagte. „Lass uns fahren.“
Martha nickte und fischte einen Autoschlüssel aus ihrer Jeans, den sie ihrer Begleiterin reichte. Beide gingen ohne Eile zu dem Skoda und stiegen ein. Maria fuhr vom Parkplatz und lenkte das Auto in Richtung Norden, während ihre Begleiterin eine Aldi-Tüte unter dem Sitz hervorholte.
Beide seufzten erleichtert auf, als sie sahen, dass der Inhalt noch unversehrt war. „Das war ganz schön riskant, zwei nagelneue Pässe und eine halbe Million Euro über Nacht auf einem Parkplatz stehen zu lassen, von dem bekannt ist, dass dort ständig Autos verschwinden.“
Maria grinste. „Ich kann mich nur wiederholen, wer klaut schon Skodas. Unser Mercedes wird sicher nicht lange allein bleiben.“
Martha nickte erleichtert, holte ein mobiles Navigationsgerät aus dem Handschuhfach und schloss es an. „Wie heißt der Ort, wo wir hinwollen?“
„Kiruna.“
Kopfschüttelnd folgte die Antwort. „Warum musstest du unbedingt ein Haus am Polarkreis kaufen?“
„Weil ich so weit weg wie möglich wollte, ohne dass wir in ein Flugzeug steigen müssen.“
„Du hast ja Recht. Es liegt so weit weg von allem, was man je mit diesem Menschen in Verbindung bringen würde. Niemand wird uns finden. Und niemand wird dir je wieder wehtun.“ Sie legte die Hand sanft auf Marias verunstaltete Wange.
Die Fahrerin warf ihrer Beifahrerin ein Lächeln zu: „Niemand wird uns je wieder wehtun.“ Sie trat aufs Gas und der Skoda machte sich tapfer brummend auf den Weg zur A 24.

3. Fantasy

Lin Lin kletterte voller Angst auf einen Baum. Was sie sah, erfüllte sie mit Entsetzen, aber sie konnte ihren Blick nicht abwenden. Durch ihr Heimatdorf, das bis vor kurzem noch friedlich im Abendsonnenschein gelegen hatte, zog eine marodierende Horde auf riesigen Pferden? Waren es Menschen oder waren es Ungeheuer? Das Mädchen konnte sich diese Frage nicht beantworten, denn die Reiter trugen Masken, deren furchterregende Züge miteinander wetteiferten. Dieser Anblick wurde jedoch von den Taten der Eindringlinge übertroffen. Mit wildem Gebrüll metzelten die Fremden alles nieder. Dabei war es gleich, ob sich einige der Dorfbewohner ihnen zum Kampf entgegenstellten, oder ob sie flüchtend versuchten, ihr Leben zu retten. Es gab kein Entrinnen. Männer, Frauen, Kinder fielen blutend in den Staub. Aber auch die Hunde, Hühner und das andere Vieh wurden nicht verschont. Alles starb unter den wütenden Schwerthieben. Als sich nichts Menschliches mehr regte, brüllte der Anführer einen heiseren Befehl. Daraufhin warfen die Mörder brennende Fackeln auf die Strohdächer der Dorfhütten und trieben die letzten überlebenden Wasserbüffel zusammen. Singend und von ihrer blutigen Tat berauscht, machten sie sich im flackernden Schein des brennenden Dorfes auf den Weg. Sie schienen im Nichts zu verschwinden, aus dem sie gekommen waren.
Lin Lin wagte lange nicht, ihren schützenden Baum zu verlassen. Tränenlos sah sie zu, wie ihr Heimatort in Schutt und Asche versank. Erst als die Sonne über dem Tal aufstieg kletterte sie hastig vom Baum. Es war ihr egal, dass sie sich dabei ihr Kleid mit der hübschen Pflaumenblütenstickerei zerriss. Sie hatte es angezogen, weil sie sich heimlich mit Win Tsun treffen wollte. Die beiden waren schon seit einiger Zeit ein Paar. Heute Abend wollten sie besprechen, wann der junge Mann zu ihrem Vater gehen solle, um die Hand von Lin Lin zu erbitten.
Win Tsun war einer der Ersten gewesen, den die Schwerter der Eindringlinge zu Boden streckten. Todesmutig stellte er sich ihnen in den Weg. Doch mit seiner Mistgabel hatte er nicht die geringste Chance. Lin Lin biss sich auf die Fäuste, um nicht zu schreien, als sie den ungleichen Kampf vom Baum aus beobachtete. Doch dann ließ sie die Hände sinken. Nachbar um Nachbar, Freund um Freund sank zu Boden. Ihre Mutter, ihr Vater, die kleinen Schwestern. Niemand entkam den Mördern.
Im Morgenlicht wankte sie zwischen den schwelenden Aschehaufen umher, die sie einmal Heimat genannt hatte. Was sollte sie tun? Wo sollte sie hin? Lähmendes Entsetzen griff nach ihrem Herzen und presste den Magen zusammen. Sie musste sich übergeben. Während sie noch würgte, hörte sie ein leises Stöhnen. Mit dem Handrücken wischte sie sich den Mund ab und folgte den Lauten. Unter dem halbverkohlten Dach eines Stalles fand sie eine alte Frau. Komisch. Sie kannte alle Dorfbewohner, aber diese Alte hatte sie noch nie gesehen. Trotzdem wollte sie ihr die notwendige Hilfe nicht versagen. Unter Anstrengung aller Kräfte zog sie die Verletzte unter den Trümmern hervor.
„Danke mein Kind“, flüsterte diese.
„Keine Sorge, Mütterchen“, sprach Lin Lin beruhigend auf sie ein. Natürlich sah sie, dass der Frau nicht mehr zu helfen war, aber sie wollte ihr wenigstens die letzten Stunden erleichtern. „Ich gehe und hole dir Wasser. Dann wird es dir sicher gleich besser gehen. „
Als sich das Mädchen abwenden wollte, griff die Alte nach ihr. Seltsam. Ihre Hand war stark und kräftig, gar nicht so wie bei einer Sterbenden. Die Frau zog sie nahe zu sich heran und flüsterte: „Gehe zu den Mondbergen und gib dem Mönch, der unter dem großen Felsen sitzt, dieses Amulett von mir. Sag ihm, der Jadeprinz hätte es jetzt endgültig übertrieben. Sag ihm auch, dass ich dich schicke, damit er dich lehrt, diesen Mörder zurechtzuweisen.“ Während dieser Worte hatte sie eine kleine Jadetafel, in die ein  Phönix eingeritzt war, aus ihrer Tasche gezogen und überreichte sie Lin Lin.
Zögernd griff diese danach. „Hilf mir, mich aufzurichten“, befahl die Alte. Das Mädchen gehorchte und wunderte sich noch einmal. Für so eine klapprige, dürre Frau war sie unheimlich schwer. Wie hatte sie es nur geschafft, diese Last unter dem Stalldach hervorzuziehen? Doch ehe sie sich darüber Gedanken machen konnte, verlangte die Verletzte stöhnend nach Wasser. Lin Lin sah sich um. Worin sollte sie Wasser holen? Alle Gefäße waren verbrannt, zerschlagen oder unter den eingestürzten Häusern begraben. Die alte Frau schien ihre Gedanken zu erraten, griff erneut in ihre Tasche und holte eine bemalte Teetasse hervor, die sie ihr reichte. Das Mädchen griff danach und eilte zum Fluss.
Als sie zurückkam, war die Alte verschwunden. Wie sehr sie auch rief und suchte, sie fand die Frau nicht mehr. An der Stelle, an der sie die Verletzte verlassen hatte, lag eine glänzende Feder. Lin Lin konnte sich nicht vorstellen, von welchem Vogel sie stammte. So eine Feder hatte sie noch nie gesehen. Als ihr Blick auf die Teetasse fiel, die sie immer noch in den Händen hielt, schüttelte sie erstaunt den Kopf. Das Bild auf dem Gefäß zeigte einen Phönix, der mit einer Schlange kämpfte. Die Federn dieses Vogels glichen der, die sie auf dem Platz der verschwundenen Alten im Staub gefunden hatte.
Was hatte das alles zu bedeuten? Und was sollte sie jetzt tun? Lin Lin sah sich mit brennenden Augen um. Hier war niemand mehr am Leben. Ihr Dorf gab es nicht mehr. Und so war es wohl am besten, wenn sie sich tatsächlich auf den Weg in die Mondberge machte. Es war gleich, was sie dort erwartete. Hier gab es keine Zukunft für sie.
Kurzgeschichte

Der alte Druide und der junge Mönch


Eines Tages, vor langer Zeit, ging der alte, von der Last seiner Jahre gebeugte Druide Latharn einen schmalen Waldweg entlang. Ihm kam ein junger, forscher Diener des neuen Gottes entgegen. Der forderte mit lauter Stimme den Alten auf, ihm Platz zu machen und ihm zudem noch die Ehre zu erweisen.
Als der Druide nur missbilligend den Kopf schüttelte, da wurde der Mönch wütend. „Geh beiseite du alter Tropf! Deine Zeit ist vorbei! Du und deine verschlissen Götter, ihr habt hier nichts mehr zu melden. Jetzt zählt allein unser Gott. Der ist die Wahrheit und das Gesetz. Also hurtig, mache mir den Weg frei!“
Da wurde Latharn zornig ob des vorlauten Verhaltens des Jüngeren und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
„Was erlaubst du dir!“, begann er mit Donnerstimme, sodass sein Gegenüber erstaunt ob des ungewohnten Widerstandes zusammenzuckte.
„Dein Gott ist viel jünger als unsere alten Götter. Er ist allein und wir haben viele. Sie sind alt, weise und gütig. Aber glaube nicht, dass sie nicht auch grimmig werden können.
Dein Gott, auf den du dich in deinem Hochmut berufst, der hat alle Hände voll zu tun, um zu begleichen, was ihr in eurem Übermut anrichtet. Wahrlich er tut mir leid. So viele von euch machen in seinem Namen aus Unwissenheit und falschen Eifer großen Schaden. Ihr seid euch ja nicht einmal einig über seinen Willen.
Predigt nicht auch euer Gott Liebe und Verständnis? Und was tragt ihr davon in die Welt hinaus?
Solange ihr aus falsch verstandenem Ehrgefühl dieses Teil seines Wesens beiseiteschiebt, werdet ihr niemals in Frieden miteinander, geschweige denn mit Andersdenkenden, leben.“
Latharn stampfte mit seinem Stab auf den Boden und schaute den Mönch mit stechendem Blick in die Augen. »Wisse du Narr, seine Götter trägt man im Herzen und nicht mit der Wut im Bauch.«
So sprach der Alte und verschwand.
Der Jüngere blieb verblüfft zurück.
Aber niemand weiß, ob die Worte des Druiden auf fruchtbaren Boden gefallen waren.
Kurzgeschichte

Eine Qigong-Geschichte zu den "18-fachen Bewegungen"


Großmutter Weide und die 18 Bewegungen

Großmutter Liu ist eine alte Weide. Sie steht am Rande einer Blumenwiese zwischen dem Weg, der vom kleinen Dorf in die weit entfernte Stadt führt, und dem Fluss. Sie ist sehr alt und sehr groß. Weil sie eine Trauerweide ist, streifen ihre Zweige sogar den Boden. Manche davon reichen bis auf den Weg, andere wiederum streicheln das vorbeifließende Wasser.
Großmutter Liu steht nicht nur einfach so zwischen Weg und Fluss herum und träumt den ganzen Tag vor sich hin. Das Leben ist alles andere als langweilig, denn sie hat viel zu tun. Den ganzen Tag und manchmal auch noch in der Nacht gibt es etwas zu ordnen, zu helfen oder auch nur zu beobachten.
Jeden Morgen begrüßt sie zuerst einmal den neuen Tag. Mit ihren langen und weichen Zweigen winkt sie dem aufkommenden Morgenrot. Sie beginnt ihr Tagwerk, wie immer, mit dem „Chi wecken“.
Als sich Großmutter Liu später umschaut, sieht sie hinter der Biegung des Flusses den Fischer Thanh seine alltägliche Morgenübung machen. Thanh ist mittlerweile in die Jahre gekommen und die Weide ist froh, wenn sie ihm beim „die Brust öffnen und weitherzig sein“ zusehen kann und weiß, dass es ihm gut geht.
Weil es wieder einmal geregnet hat, steht genau am Himmel über der Wiese ein großer Regenbogen. Das ist eine gute Gelegenheit für ein wenig Spaß, denkt sich die Weide und beginnt „den Regenbogen (zu) schwingen“.
Und da sie so viel Freude an dem Spiel mit dem Wetter hat, versucht Großmutter Liu gleich noch „die Wolken (zu) teilen“. Nach dem Regen hätte sie gern noch einen richtig schönen Tag.
Bei dieser Arbeit wird sie allerdings unterbrochen. Aus dem nahen Wald kommt eine Horde Affen angestürmt. Sie klettern am Stamm herauf und lassen sich schnatternd im Geäst nieder. Normalerweise freut sich die Weide über Besuch. Aber diese Gesellschaft ist ihr doch zu laut. Alle schreien und kreischen durcheinander und hüpfen zudem noch wie wild hin und her. Das wird ihr einfach zu viel. Sie nimmt die stärksten Zweige zu Hilfe und beginnt die „Affen (zu) vertreiben“.
Endlich ist Ruhe und sie will sich wieder dem Wetter widmen. Inzwischen eilt aber der Fischer Thanh vorbei, der sie höflich grüßt. Sie erwidert seine Morgenwünsche, indem sie ihre Äste leicht im Wind wiegt, und schaut ihm nach. Thanh ist unterwegs zum nahen See um Fische zu fangen. Wenn der Himmel schön klar ist, dann kann sie ihm beim „Rudern auf dem See“ sogar beobachten.
Weil der Fischer zu jedermann freundlich ist und ein gutes Herz hat, hofft die Weide, dass er heute einen reichlichen Fang heimbringen wird. Da sie außerdem glaubt, dass es sich bei schönem Wetter viel besser arbeiten lässt, will sie ihm helfen und beginnt „die Sonne über den Horizont (zu) heben“.
Als Thanh dann am Abend nach Hause geht, freut sie sich sehr, dass alle seine Körbe prall gefüllt sind. Die Last ist schwer und so macht er bei Großmutter Liu eine Rast. Beide sind seit Jahren gute Freunde und verstehen sich auch ohne Worte. So schweigen sie, während sie gemeinsam eine Weile in „den Mond schauen“.
Am nächsten Tag führt der Weg dann aber ganz andere Leute an der Weide vorbei. In den frühen Morgenstunden wandern zwei Gelehrte in Richtung Stadt. Sie streiten über ein wichtiges philosophisches Problem und machen ernste Gesichter. Keiner will den Standpunkt des anderen akzeptieren und nachgeben. Eifrig unterstreichen sie jeden Satz mit einem „diagonalen Handkantenschlag“ und kommen sich dabei sehr wichtig vor. Großmutter Liu schüttelt darüber nur den grünen Kopf. Weiß sie doch längst aus Erfahrung: Das Leben meistert man lächelnd, oder überhaupt nicht.
Als die Streithähne verschwunden sind, kann sich die Weide wieder einmal den angenehmen Dingen des Tages widmen. Mit ihren Zweigen streichelt sie den Himmel und fegt ihn mit „Wolkenhände(n)“ blitzeblank.
Als diese Arbeit getan ist, bleibt ihr ein wenig Zeit, um zu verschnaufen und zu träumen. Sie mag den Platz zwischen Weg und Fluss. Aber manchmal würde sie auch gern ein bisschen reisen. Ihr größter Wunsch ist es sich „zum Meer (zu) neigen und (dort) zum Himmel schauen“.
Weil das aber nichts werden wird, tröstet sie sich damit, dass sie einige Äste tief in das Wasser des Flusses taucht um „die Welle (zu) schieben“. Schließlich wird sich der kleine Fluss irgendwann einmal in das große Meer ergießen.
Aber schön wäre es doch, träumt sie dabei. Wenn man ein Vogel wäre… Dann bräuchte man nur „die Flügel öffnen“ und losfliegen. Bei dem Gedanken seufzt sie ein wenig und dreht sich zur anderen Seite. Sie sieht den Weg, die Wiese und den Wald dahinter. Sich „zum Meer neigen und zum Himmel schauen“ ist ja nicht schlecht, aber dann müsste sie ihren geliebten Platz am Flussufer verlassen. Das will sie dann doch nicht. Da beugt sie sich lieber noch ein bisschen zum Wasser um es zu streicheln und macht sich den Spaß, um die eine oder andere „Welle (zu) schieben“.
Sie schaut danach auch noch nach den Vögeln, die sich am Ufer versammelt haben. Die erzählen ihr oft Neuigkeiten und bringen manchmal sogar Kunde vom weit entfernten Meer. Sie beobachtet liebevoll ihre gefiederten Freunde: Wie sie sich satt trinken, sich erfrischen und dann „die Flügel öffnen“ um wieder weiter zu ziehen. Fliegt nur, flüstert sie, ich bleibe hier und warte auf euch.
Inzwischen nähern sich auf dem Weg zwei Reiter. Auch diese Menschen streiten, denkt Großmutter Weide verwundert und lauscht. Die flinken Pferde tragen junge Burschen, die sich nicht einig werden können, wer von ihnen mehr Chancen bei der hübschen Lian, der Tochter des Fischers. hat. Jeder glaubt, dass sie ihn zum Manne nehmen wird. Sie belassen es jedoch nicht nur bei zornigen Worten, sondern beginnen zu rangeln. So sitzen sie auf ihren Pferdchen im “Reitersitz und Fauststoß“ folgt auf Fauststoß. Die Weide schüttelt wieder das grüne Haupt. Solche dummen Jungen denkt sie, die kleine Lotusblüte hat ihr Herz doch längst jemanden anderes geschenkt.
Die schöne Lian liebt schon seit vielen Monden den geschickten Long, einen fröhlichen Bootsbauer. Der ist immer freundlich und sehr fleißig. Seine Boote sind zudem noch wunderschön und gleiten so schnell durchs Wasser, das man meint, sie könnten „wie eine Wildgans fliegen.
Eine Weile ist es nun still, dann hört Großmutter Liu das Getrappel eiliger Füße. Zwei Kinder kommen den Weg entlang. Sie haben den Tag bei Freunden verbracht und laufen jetzt gemeinsam nach Hause. Voller Freude erzählen sie von ihren Erlebnissen und zeigen sich dabei ihr Lieblingsspielzeug. Der kleine Junge kann es nicht lassen und muss immer wieder seinen „Flugreifen drehen“ und erfreut sich jauchzend an dessen Spiel. Das Mädchen ist etwas größer und will eigentlich schon fast erwachsen sein. Aber das vergisst sie heute einfach einmal und hat nichts weiter im Sinn als zu lachen und den „Ball (zu) prellen“.
Die Kinder sind längst aus der Sicht der alten Weide verschwunden, als sich der Tag dem Ende zuneigt. Aber Großmutter Liu hat das Gefühl, als ob die Freude, die die beiden kleinen Menschlein verströmten, immer noch auf dem Weg liegt. Es ist fast so, als könnte sie diese mit ihren Zweigen greifen und in sich aufnehmen. Warum nicht, sagt sie und beginnt „das Chi in den Körper zu füllen“.
Inzwischen ist es dunkel geworden. Was für ein schöner und interessanter Tag, das heute doch wieder einmal war, denkt sich die alte Weide. Dann schließt sie die Augen und kommt zur Ruhe.