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Liebe auf den ersten Blick

Sie sitzt vormittags wie immer am Computer und arbeitet. Es macht „plong“ und sie sieht, dass ihr Sohn sich auf Skype eingeloggt hat. Der studiert in Hamburg und kommt nur selten nach Hause. Sie schreiben ein bisschen hin und her und fragen, wie es dem Anderen geht. Die Antworten gleichen sich meist. Alles o.k. oder prima und so. Harmloses Geplänkel, wie eigentlich jedes Mal. Doch als er sie fragt, was sie macht, antwortet sie diesmal: Arbeiten und Schlafen wie immer zuvor. Das ist anders als sonst. Das klingt nicht so fröhlich und munter wie üblich. Selbst wenn man es nur schreibt, sieht dieser Satz irgendwie nach Resignation aus. Das fällt auch ihrem Sohn auf. Die nächste Frage lautet daher, ob dazwischen immer noch keine Zeit für etwas anderes wäre. Darauf sollte ihre Antwort eigentlich sein, dass sie jedenfalls nie Langeweile habe. Doch diesmal schreibt sie: Es ist nicht so, wie ich mir das eigentlich vorgestellt habe. Er fragt nach. Sie lenkt ab, wechselt das Thema und kommt damit durch. Dann muss er zur Uni und loggt sich aus.

Mit ihren Gedanken wieder allein, starrt sie den Monitor an: Wie habe ich mir mein Leben eigentlich vorgestellt?

Sie wollte immer eine große Familie, mit vielen Kindern, ein Haus mit Garten und etlichen Tieren.

Das Haus hatte sie bekommen. Inzwischen verfügte sie über mehr Platz, als ihr im Grunde genommen lieb war. Vor Jahren war es ihr eng erschienen. Damals als Peter noch bei ihnen wohnte. Er war laut, bestimmend und trank gern mehr, als er vertrug. In diesem Zustand wurde er unberechenbar. Dann versuchte sie sich zu verstecken, die Kinder aus dem Weg zu schaffen. Haus und Garten reichten manchmal nicht aus. Er fand sie und dann war die Hölle los. So kam es, dass sie, als er sie irgendwann wegen einer anderen Frau verließ, nach dem ersten Schmerz eine Art Erleichterung verspürte. Sie konnte aufatmen und die Kinder ebenso.

Ach ja, die Kinder. Drei waren es an der Zahl. Alle wohlgeraten oder wie man das so nannte. Die eine Tochter studierte Medizin in Rostock. Die zweite war Lehrerin in der Nähe von Berlin. Die Mädchen waren schon vor einiger Zeit ausgezogen, um eigene Wege zu gehen. Und nun war im Sommer auch der jüngste Sohn zum Studium nach Hamburg gegangen. Das Haus ist leer geworden. Längst scheint es ihr nicht mehr zu klein. Sie vergräbt sich in ihre Arbeit. Das ist nicht schwer. Wer als freie Übersetzerin arbeitete, sitzt oft stundenlang am Computer. Meistens vergisst sie die Zeit um sich herum. Sie arbeitet bis sie müde wird. Dann schläft sie einige Stunden, manchmal auch in der Wanne, bis sie vor Kälte zitternd aufwacht, und setzt sich erneut an den Computer. Gegessen wird nebenbei. Den Garten hat sie längst sich selbst überlassen. Aus dem Haus braucht sie eigentlich nur zu gehen, wenn ihre Vorräte zu Ende sind oder wenn sich die Kinder zu Besuch angekündigt haben. Arbeiten und Schlafen. Das war ihr Leben geworden.

Doch vor einigen Tagen hatte sie per Zufall beim Surfen im Internet sein Foto gesehen. Und das ging ihr jetzt nicht mehr aus dem Kopf. Eigentlich sah er gar nicht besonders aus. Freundlich hätte man ihn vielleicht beschreiben können. Sonst eigentlich: Normal, nichts weltbewegendes. Allerdings diese Augen! Die konnte sie einfach nicht mehr vergessen. Was für ein Blick! Der war ihr durch Mark und Bein gegangen. Auch die Beschreibung passte perfekt, so als hätte er geradezu auf sie gewartet: Liebt lange Spaziergänge, ist neugierig auf das Leben, kuschelt gern, mag es, zu verreisen. Das wäre der perfekte Begleiter, um wieder in die Welt hinaus zu gehen, hatte sie gedacht und war dann doch schnell zu einer anderen Seite im Web gewechselt.

Aber sein Bild scheint sie regelrecht zu verfolgen. Sie muss immer an ihn denken. Kurz entschlossen ruft sie die Internetseite mit seinem Foto wieder auf. Da ist er ja. Und wieder dieser Blick. Er fährt als leichter, stechender Schmerz in ihren Bauch. Ronny steht als Name neben der Kurzbeschreibung. Dazu eine Chiffre und eine Telefonnummer, an die man sich bei Interesse wenden kann. Einfacher geht es wohl nicht. Als sie zum Telefon greifen will, kommen ihr bekannte Zweifel. Vielleicht passt das alles doch nicht so gut. Schließlich muss sie ihr gewohntes Leben radikal umstellen. Will sie das? Aber die Frage ist wohl eher, ob sie so weiter leben möchte, wie sie es jetzt tut. Und wenn sie es diesmal nicht ausprobiert, dann kann es sein, dass sie sich auf ewig, wegen ihrer Feigheit Vorwürfe machen wird.

Also ruft sie doch an. Ihre Hände zittern leicht, als sie die Nummer eingibt. Vielleicht geht ja auch keiner ran, denkt sie. Dann soll es nicht sein. Dann ist es so. Sie will es als eine Art Orakel nehmen. Der Ruf geht raus. Es klingelt dreimal.

Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine freundliche Herrenstimme und wünscht ihr einen guten Tag.

Sie grüßt zurück und sagt, dass sie wegen Ronny anruft, nennt die Chiffre und fragt, ob er denn noch zu haben sei.

Am anderen Ende scheint man kurz zu überlegen. Ein Geräusch wie Tastaturklappern klingt durchs Telefon. Es sind nur wenige Sekunden, aber ihr kommt es wie eine halbe Ewigkeit vor. Sie hält sogar die Luft an.

Als die Stimme bejaht, atmet sie erleichtert aus.

Der Mann schlägt ihr ein erstes Treffen vor, damit man sich kennen lernen kann. Schließlich muss man ja wissen, ob die Chemie zwischen Beiden stimme. Und dann könnte man gleich noch alle anstehenden Fragen klären. Sie ist begeistert und obwohl er es nicht sehen kann, nickt sie heftig. Eilig schlägt sie als Termin den morgigen Mittag vor.

Die nette Stimme ist einverstanden und verabschiedet sich mir den Worten:

„Prima, dann kommen sie morgen Mittag bei uns vorbei und schauen sich den Ronny mal an. Wenn sie festes Schuhwerk anziehen, dann können sie gleich mit ihm spazieren gehen. Unsere Hunde im Tierheim sind immer sehr froh, wenn sie ausgeführt werden.“

 

 

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Ein Wunder in der Rauhnacht

Aufatmend sah Maja den im Dunkeln verschwindenden Rücklichtern der Autos nach. Sie leibte ihre Familie, aber was zu viel war, war zu viel. Die ganzen Weihnachtstage hatte sie damit verbracht zu kochen, zu backen, den Tisch zu decken und wieder abzuräumen. Im Nachhinein kam es ihr vor, als hätte sie eine ganze Horde hungriger Mäuler verköstigt. Drei erwachsene Kinder mit Partnern und insgesamt sieben Enkelkindern waren immerhin dreizehn Personen. Und jeder davon hatte Eigenarten und Vorlieben, die berücksichtigt werden wollten. Das ging von A wie Allergie gegen Nüsse bis hin zu Z wie Zöliakie, der Unverträglichkeit gegen Gluten, von der sie bis dato noch nie etwas gehört hatte. Eines ihrer Enkelkinder mochte keinen Fisch, ein anderer wollte nur Bärchenwurst. Der Lebensgefährte ihrer ältesten Tochter trank keinen Alkohol. Was ja nicht das Schlechteste war, wie sich Maja eingestand. Der Mann der jüngsten Tochter verschmähte Saft und Wasser aus Plasteflaschen. Dazu kamen noch diverse Abneigungen der einzelnen Gäste gegen Kuhmilch, Spinat, gekochte Eier, Ingwer und Knoblauch. Zum Glück hatte sie all diese Informationen schon im Vorfeld erhalten und entsprechend eingekauft. Natürlich wieder einmal viel zu viel von allem.
»Was mache ich nun mit dem ganzen Zeugs?«, fragte sie Bosco, ihren Labradormischling, der schwanzwedelnd neben ihr stand. Täuschte sie sich oder sah er auch erleichtert aus? Als Antwort ertönte ein lautes, vorwurfsvolles »Miau« aus dem Gebüsch neben dem Gartentor. Lotti, die schwarzweiße Katze, hatte sich in den letzten Tagen ziemlich rar gemacht. Ihr war der Trubel im Haus wohl auch zu viel gewesen.
Vorsichtig lugte sie aus ihrem Versteck. Als sie bemerkte, dass weit und breit nur noch ihr Frauchen und der Hund zu sehen waren, kam sie mit hocherhobenen Schwaz auf beide zu. Bosco wedelte zu Begrüßung noch heftiger mit der Rute. Die Tiere mochten sich, obwohl sie beide Findelkinder waren und sich erst in Majas Haus kennengelernt hatten. Die Frau beugte sich herunter, um der Katze über den Kopf zu streichen. Dann forderte sie ihre tierischen Mitbewohner auf, mit ins Haus zu kommen, denn ihr war inzwischen kalt geworden. Aufseufzend schloss sie die Tür hinter sich. Es würde einige Zeit dauern, bis ihre gewohnte Ordnung wieder hergestellt war. Warum dachten ihre Kinder nur, dass sie ohne einen mehrtägigen Dauerbesuch aller Familienmitglieder die Feiertage in Trauer und Trübsal verbringen würde? Maja schüttelte den Kopf. Als ob sie je großen Wert auf diesen ganzen Weihnachtsrummel gelegt hätte. Wie in jedem Jahr hatte man sie auch diesmal mit in die Kirche zum Gottesdienst geschleppt. Das war ja nun gar nicht ihr Ding. Vor allem ihre mittlere Tochter hatte nicht locker gelassen. Dabei war niemand aus ihrer Familie besonders gläubig. Als die Kinder noch klein waren, drehte sich natürlich alles um die Weihnachtsgeschichte, die gängigen Lieder und alles, was so der übliche Brauch war. Seit das Ganze jedoch immer kommerzieller aufgezogen wurde und es schon im September die ersten Schokoladenweihnachtsmänner zu kaufen gab, erinnerte sich Maja viel lieber an die Geschichten ihrer eigenen Großmutter. Die war zu Lebzeiten so etwas wie eine »weise Frau« gewesen und hatte ihr viel von den heidnischen Bräuchen erzählt, die man im Dorf heimlich noch pflegte. Inzwischen wusste kaum noch jemand etwas darüber. Das war doch ziemlich schade, fand sie. Weil ihr gerade in der Vorweihnachtszeit die alten Erzählungen immer wieder eingefallen waren, hatte sie sich zu einem kostenlosen Kurs im Internet angemeldet, der sich mit den Raunächten beschäftigte. In den letzten Tagen war Majas Zeit ziemlich knapp bemessen gewesen und so konnte sie nur kurz vor dem Schlafengehen mal einen Blick auf die Tagesaufgaben werfen. Heute würde sie sich nicht beeilen müssen und hätte Muße genug, sich alles noch einmal in Ruhe durchzulesen.
Das Thema für die derzeitige Raunacht lautete »Lasse Wunder in deinem Leben zu«. Irgendwie war Maja enttäuscht. »Wunder zulassen« war ja nun eine blöde Aufforderung, wenn sie einfach nur zu Hause sitzen wollte, um sich von dem vergangenen Stress zu erholen.
Ein lauter Knall ließ sie zusammenfahren. Was war denn das? Ärgerlich lief sie in das Zimmer, aus dem das Geräusch gekommen war. Auf den ersten Blick sah alles wie immer aus, aber dann sah sie die Beschwerung. »Diese kleinen Monster können auch nicht hören!«, brummelte sie vor sich hin. Sie konnte sich noch ganz genau erinnern, dass sie ihren Enkelkindern gesagt hatte, sie sollen die Spieluhr auf dem Schrank nicht anfassen. Das gute Stück stammte noch von ihrer Großmutter und gab schon lange keinen Ton mehr von sich. Wahrscheinlich war die Feder des Spielwerkes gebrochen. Aber weil die Truhe so schön war, hatte Maja es nicht übers Herz gebracht, das Teil zu entsorgen. Und so kam es, dass sie jedes Jahr zur Weihnachtszeit als Deko hervorgeholt wurde. Damit war es jetzt sicher vorbei, denn der hölzerne Korpus war in mehrere Teile zersprungen. Sicher hatte die Katze die Spieluhr versehentlich herunter geworfen, weil die Kinder sie zu nah an den Rand des Regals gestellt hatten, denn Lotti sah mit missbilligendem Blick auf das Debakel herab. Seufzend bückte sich Maja, um die kläglichen Reste aufzuheben. Plötzlich stutzte sie. Zwischen den Holzstückchen befand sich ein kleines, schwarzes Notizbuch. Sie griff danach und schlug es auf. Sie erkannte die Schrift ihrer Großmutter die Schrift etwas verblasst, aber trotzdem noch klar zu erkennen war. Die ersten Sätze bereiteten ihr Mühe, denn die Notizen waren in Sütterlin, der Schreibschrift, die man heute nicht mehr benutzte. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die einzelnen Buchstaben erinnerte. Großmutter hatte sich zu Lebzeiten geweigert anders zu schreiben und wenn sie damals für Maja eine Notiz hinterließ, was nicht selten geschah, so war diese gezwungen die ungewohnten Buchstaben zu entziffern. Je weiter Maja in dem gefundenen Buch kam, desto einfacher fiel ihr das Lesen. Zum Anfang hatten sich manche Worte nur aus dem Sinn erschlossen, doch bald war es so, als wäre sie nicht mit den Jahren aus der Übung gekommen.
Maja vergaß die kaputte Spieluhr, die Anstrengung der letzten Tage und saß auf dem Boden und las. Erst als ihr die Beine einschliefen, humpelte sie zu ihrem Lieblingssessel, um dort weiter zu lesen. Sie konnte es kaum fassen! Das Notizbuch ihrer Großmutter war ein kleines Wunder! Es enthielt Aufzeichnungen über ….

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Vorschau auf „Halbes Haus und ganzes Glück“

Wer mein Buch „Altes Haus und neues Glück“ gelesen hat, der kann sich vielleicht an Alexandras Freundin Katja erinnern. Mein aktuelles Roman-Projekt dreht sich nun um ihr Schicksal.

Wer neugierig darauf ist, der kann schon mal in ein Kapitel der Rohfassung hineinlesen:

6. Kapitel

Zuerst einmal passierte nichts. Katja hörte zwar an den Geräuschen von nebenan, dass die Wohnung nicht mehr leer stand, aber die befürchteten unschönen Szenen blieben aus. Trotzdem konnte sie sich nicht wirklich entspannen (anderes Wort?) und fühlte sich wie ein gespannter Bogen.
Allerdings fand sie es recht seltsam, dass der Maler scheinbar allein nach Kuhfahl gekommen war. Der dicke Mercedes stand jedenfalls nicht vor dem Haus. War die garstige Carsta allein nach Hamburg zurück. Es schien tatsächlich so zu sein, denn sie hörte zwar Musik und das Rücken von Stühlen und klappern von Türen, aber keine Gespräche. Das war wirklich eigenartig. Hatte der Typ denn nichts zu tun? Was war mit seiner Arbeit? Wenn sie Edelgard richtig verstanden hatte, dann war er selbstständig. Welcher Mensch konnte es sich leisten seine Firma eine Woche allein zu lassen und dafür in so einem Nest wie Kuhfahl Urlaub zu machen? Etwas anderes würde es ja nicht sein. Er ging höchstens mal zum Spazierengehen aus dem Haus. Ansonsten blieb er in der Wohnung und schien nichts zu machen. Katja hatte sich gedacht, dass er als Erstes Edelgards Einrichtung entsorgen und die Zimmer neu malern würde. Aber das hätte sie gehört. Obwohl sie die Tasse im Schrank ließ, war sie sicher, dass nebenan nicht renoviert wurde. Die Nachbarwohnung war gemütlich eingerichtet, hatte moderne Geräte und viele Bücher. Aber trotzdem! Edelgard war eine alte Frau gewesen, keinesfalls würde Carsta den gleichen Geschmack besitzen. So wie die sich immer aufführte, wäre das Beste vom besten gerade gut genug für sie. Vielleicht war sie in Hamburg und suchte nach neuen Einrichtungsgegenständen? Aber eigentlich war das halbe Haus viel zu kein für solche verwöhnten Ansprüche! Selbst das ganze Hüttchen würde ihr sicherlich nicht reichen! Die ganze Sache war von vorn bis hinten komisch! So sehr Katja auch überlegte, sie konnte sich keinen Reim darauf machen.
Ob sie es wollte oder nicht, morgens beim Aufstehen und abends beim Nachhausekommen lauschte sie ob sich nebenan etwas tun würde. Der Typ war ein echter Langschläfer. Wenn sie aus dem Haus ging, dann schien er noch fest zu schlafen. Das glich er am Abend dann reichlich aus. Sie lang schon lange im Bett, wenn sei durch die Wand noch immer leise Geräusche und sanfte Musik vernahm. Zum Glück stand er nicht auf Rapp und Hiphop. Beide Sachen waren Katja ein Graus. Die Töne von nebenan klangen irisch, verträumt und harmonisch. Das war genau das Richtige um sie sanft in den Schlaf zu wiegen. Schon nach wenigen Tagen hatte sie sich an diese Nachtmusik gewöhnt und war enttäuscht, wenn sie ausblieb.
Als sie sich eines Abends mit einem Buch auf der Bank hinter ihrem Haus gemütlich machte, hörte sie von nebenan sanftes Stimmengemurmel. Früher einmal war der kleine Garten hinter dem Haus von ihr und Edelgard gemeinsam genutzt worden. Beide Wohnungen hatten einen Hinterausgang der auf eine von Büschen und Blumen umsäumte Wiese führte. Eine der wenigen Veränderungen, die ihre neuen Nachbarn eingeführt hatten, war es, einen dieser hässlichen Trennwände aus dem Baumarkt aufzustellen. Damit war der Rasenplatz sozusagen in zwei Teile zerlegt. Katja tat sich anfangs schwer mit dieser Lösung, musste aber nach dem Zusammenstoß mit Carsta vor sich selbst zugeben, dass sie froh darüber war. Sie hatte absolut keine Lust, in ihrem wohlverdienten Feierabend, wie eine Zielscheibe für die übellaunige Nachbarin im Garten zu sitzen. Das Gemurmel, welches an ihr Ohr drang, war eindeutig männlich. Mit wem mochte der Nachbar wohl sprechen? Ob er telefonierte? Aber so klang es nicht. Dazu war die Tonlage viel zu sanft und leise. Während sie noch grübelte, mit wem er sich unterhielt, lies ein empörtes »Au« sie aufspringen. Im gleichen Moment schoss der Kater unter der Trennwand hindurch und der Kopf ihres Nachbarn erschien oberhalb des Zaunes. »Kleiner, schwarzer Teufel du!«, rief er dem Kater hinterher. Dabei klang er allerdings nicht verärgert, sonder eher belustigt.
Als er sich abwenden wollte, entdeckte er Katja, hinter der, der gescholtene Deckung suchte. »Guten Abend und Entschuldigung, ich wollte nicht stören.« Dann setzte er noch hinzu: »Der Frechdachs hat mich gekratzt. Erst lässt er sich von mir mit leckeren Sachen verwöhnen und dann zeigt er die Krallen! Ist das ihr Tier?«
Katja stand auf und trat etwas näher an den Sichtzaun heran. Im Sitzen zu antworten kam ihr reichlich blöd vor. »Das ist Scheißerchen. Der gehörte mal ihrer Tante Edelgard. Nach ihrem Tod hatte er niemanden, der sich um ihn kümmerte und so ist er bei mir gelandet.« Misstrauisch beäugte sie ihr gegenüber. Der würde doch den Kater nicht für sich beanspruchen? Sie hatte eine Menge Geld für das Tier ausgegeben und außerdem war es ihr echt ans Herz gewachsen. Kampflos würde sie Scheißerchen nicht den Nachbarn überlassen.
Nebenan schien man zu ahnen, was Katja dachte und der Mann hob beschwichtigend die Hände, ohne sich jedoch über den seltsamen Namen zu äußern. »Keine Sorge, ich erhebe keinen Anspruch auf den Schwarzen. Katzen sind sowieso ziemlich eigensinnig in der Wahl ihrer Menschen. Selbst wenn ich wollte, dass er bei mir wohnt, würde es nichts bringen, falls er anderer Meinung ist.« Der Nachbar schwieg und besah sich einen langen Kratzer am linken Arm, der zum Glück nicht stark blutete.
Katja entfuhr ein erschrockenes »Oh«. Da hatte Scheißerchen ja richtig zugelangt! »Es tut mir leid, was er ihnen angetan hat.«, schüttelte sie den Kopf. »So kenne ich ihn gar nicht.« Dann fiel ihr etwas ein: »Haben sie ihn etwa hochgehoben?« Als ihr Gegenüber nickte, war ihr klar, warum das Tier gekratzt hatte. »Scheißerchen ist vor kurzem ziemlich verletzt nach Hause gekommen. Ich musste mehrmals mit ihm nach Pritzwalk in die Tierklinik. Vielleicht hat er gedacht, wenn er hochgehoben wird, dann geht es nochmals los und er bekommt wieder so eine fürchterliche Spritze. Davor hat der alte Raufbold nämlich ziemliche Angst.«
»Ich auch«, grinste der Mann auf der anderen Seite des Zaunes und streckte ihr seine unverletzte rechte Hand entgegen. »Ich bin Georg. Wir hatten einen ziemlich miesen Start. Vielleicht sollten wir noch einmal ganz von vorn anfangen. So von Nachbar zu Nachbarin. Es sieht ja aus, als müssten wir es in der nächsten Zeit miteinander aushalten. Da ist es ganz gut, wenn man sich versteht.« Er grinste noch stärker. »Und so kann man sich auch mal ein Ei oder etwas Salz borgen.«
Irgendwie kommt er doch ganz symphytisch herüber, dachte sich Katja und schlug in die dargebotene Hand ein. »Ich bin Katja. Als Physiotherapeutin bin ich den ganzen Tag unterwegs. Das mit dem Salz und dem Ei klappt also nur am Abend«, grinste sie zurück.
Leider war damit das Gespräch schon zu Ende, denn Georgs Handy klingelte. Er zog es aus der Hosentasche und warf einen Blick darauf, während sich sein Gesicht verfinsterte. Mit einer bedauernden Handbewegung verabschiedete er sich und lief ins Haus, während er ziemlich unwirsch seinen Gesprächspartner begrüßte. Katja hätte zu gern gewusst, ob das die Carsta war. Als sie merkte, dass sie voller Neugierde über den Zaun starrte, musste sie über sich selber den Kopf schütteln. Dieser Georg nahm viel zu viel Raum in ihren Gedanken ein. Nur weil er nett zu Katzen war und einen Musikgeschmack hatte, der ihrem glich, war das noch lange kein Grant für eine gute Nachbarschaft. Und überhaupt, wer sein Leben mit so einer garstigen Frau teilt, bei dem sollte man lieber vorsichtig sein.
Später, als sie im Bett lag, wartete sie vergeblich auf die sanften Klänge der irischen Musik. Kein Ton klang durch die Wand. War Georg ausgegangen? Und wohin ging man denn an einem Abend in Kuhfahl? Hier gab es keine Kneipe und im Gemeindehaus war heute auch nichts los. Das hätte sie ja mitbekommen. In so einem Dorf blieb nicht verborgen. Manches dauerte ein bisschen länger, wie die Geschichte mit dem Bestsellerautor Veller Hunt zeigte, bei dem ihre Freundin Alexandra arbeitete. Aber irgendwann kam alles raus. Ohne sich einzugestehen, dass sie mehr als normal an ihrem Nachbarn interessiert war, schlief Katja ein. Im Traum war sie wieder am Königsgrab. Diesmal aber nicht mit Alexandra, sondern mit Georg und dem Kater. Während sie eine Decke ausbreitete und Schüsseln und Teller für ein Picknick ausbreitete, kam ein großer Kolkrabe herangehüpft. Genau so ein Tier hatte sie damals bei ihrem Ausflug beobachtet. Sie konnte sich noch gut an die klugen schwarzen Augen des Vogels erinnern. Doch dieser hier hatte rote Augen, die böse funkelten. Während der Rabe immer näher kam, schien er zu wachsen und sich zu verändern. Auf einmal war es gar kein Rabe mehr, sondern Carsta, die mit schriller Stimme etwas schrie.
Katja schrak mit klopfenden Herzen aus dem Schlaf und setzte sich im Bett auf. Der Carsta-Rabe war verschwunden. Aber die keifende Stimme blieb. Georgs Verlobte war gekommen.

Hier geht es zur Geschichte von Alexandra auf Amazon.
Nachzulesen in „Altes Haus und neues Glück“. (Gibt es auch auf Thalia, Weltbild und im Buchhandel.)

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Unterwegs

Erinnerungen an den Sommer

Reisebericht: Mein Garten Eden liegt bei Málaga

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Eine Reise zu mir selbst

Warum, so mag man sich fragen, sollte ich nach Andalusien fliegen, wenn ich eine Reise zu mir selbst machen will? Ich bin doch ich, wo immer ich mich auch aufhalte.

Natürlich trifft das zu. Doch wenn ich mich ganz auf mich konzentrieren will, dann ist das zu Hause kaum möglich. Da ist vieles, was mich ablenkt. Das Tagesgeschäft fordert seinen Tribut. Die Familie erwartet Aufmerksamkeit. Ich verfalle unbewusst immer wieder in alte Muster.

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Bin ich in der Fremde, dann ist das anders. Ich bin neugierig. Auf ein anderes Land, fremde Menschen und neue Erfahrungen. Solchen Gefühlen kann ich mich dann ganz hingeben, ohne an den Alltag zu denken. Ein Aufenthalt in der Casa el Morisco ist dafür genau das Richtige. Die üppige Natur auf diesem Fleckchen Erde ist geradezu überwältigend. Es grünt, blüht, duftet und plätschert überall. Dazwischen finden sich immer wieder Plätze, die zum Ausruhen, Meditieren und Besinnen einladen. Mein erster Gedanke war, dass ich mich im Garten Eden befinden müsse. Die freundlichen dienstbaren Geister des Anwesens verstärken diesen Eindruck noch. Nichts muss, alles kann. Was für eine perfekte Voraussetzung, um sich einmal mit sich selbst zu beschäftigen! Wo komme ich her? Wo will ich hin? Wie sieht mein Weg aus?

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Wenn man sich diese Fragen in einer Gruppe stellt, dann ist das Ergebnis verblüffend. Fremde Menschen haben oft einen ganz anderen Blickwinkel. Die Coaches Jasmin und Peter taten ihr Bestes, um uns auf der Reise zu uns selbst, zu begleiten. Trotz der äußeren paradiesischen Zustände führten sie alle Teilnehmer gekonnt an den Rand der Komfortzone. Glaubte ich bis dahin, meine Schwachstellen zu kennen, so musste ich erstaunt feststellen, dass ich so manches Thema bisher vor mich hergeschoben hatte. Trotzdem blieb alles leicht und unverkrampft. Ohne Unbehagen erkannte ich, was zu tun ist, um selbst geschaffene Hindernisse zu überwinden.

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Die Mühelosigkeit, mit der ich Erkenntnisse gewann, die mir bis dahin verborgen waren, verblüffte mich. Die Gruppe, die aus Menschen bestand, die sich zufällig getroffen hatten, wuchs zusammen und wurde mehr als die Summe ihrer einzelnen Mitglieder. Ich habe Menschen getroffen, deren Geschichten mich bewegten. Ich habe Sätze gehört, die mein eigenes Leben spiegelten. Und ich durfte Peter und Jasmin kennenlernen, die mir auf unkonventionelle und besondere Weise zeigten, wo es im Leben lang gehen kann.

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Ich bin dankbar für diese Erfahrung und dafür, dass ich dieses wunderschöne Fleckchen Erde entdecken durfte. Wann immer ich meine Aufzeichnungen und Mitschriften aus dem Seminar zu Hand nehme, dann weiß ich, was ich als Nächstes zu tun habe. Und wenn meine To-do-Liste abgearbeitet ist, dann mache ich mich auf die nächste Reise zu mir selbst. Natürlich wieder mit Jasmin und Peter.

Veröffentlicht auf https://jasmin-schlimm-thierjung.de/

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Unterwegs

Bald ist es wieder so weit

Nein, das wird jetzt keine Weihnachtsgeschichte, sondern mich treibt die Vorfreude auf das kommende Frühjahr dazu, diesen Text aus einem älteren Blog zu kopieren:

Es ist ein Kraut entsprungen …

Als ich vor einigen Jahren, zum ersten Mal meiner Familie verkündete: „Ich gehe ins Kloster“, erntete ich erstaunte Blicke und Kopfschütteln. Inzwischen haben sie sich an diesen Ausspruch gewöhnt, denn sie bekommen ihn öfter zu hören. Er bedeutet nichts weiter, als dass ich wieder einmal einen meiner Lieblingsorte, das Kloster Heiligengrabe bei Wittstock, aufsuche, um einen der dort angebotenen Kurse zu besuchen.

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Diesmal geht es zum Kräuterkurs. Den bietet meine Lieblingskräuterfrau Beate Hohenstein einmal im Jahr auf dem Klostergelände an. Ich versuche sie seit geraumer Zeit zu überreden, sich bei eBay ein „von“ zu ersteigern. Beate von Hohenstein klingt doch einfach umwerfend. Fast wie Hildegard von Bingen. Aber zurück zum Thema. Die Veranstaltung, zu der ich unterwegs bin, nennt sich mit vollem Namen „Wildkräuter-Wochenendseminar“ und ich freue mich schon sehr darauf.

Am Freitag den 25.05.2018 reisen insgesamt elf Damen und ein Herr in Heiligengrabe an, um gemeinsam ein Wochenende zu verbringen. Die meisten davon, so auch die Chefin des Ganzen, stammen aus Berlin. Hier aus der Gegend kommen nur zwei. Und ich bin die Einzige, die jeden Abend nach Hause fährt. Das lässt sich leider aus organisatorischen Gründen nicht ändern, obwohl ich es sehr schade finde. Die anderen Teilnehmer sind auf dem Klostergelände in schnuckligen, kleinen Zimmern untergebracht.

Wie fast immer, bei solchen Veranstaltungen, überwiegt der Frauenanteil. Irgendwie kann ich das nicht verstehen, weil ja die „Großen“ der Zunft, abgesehen von Hildegard, ja alles Männer sind. Denken wir nur an Paracelsus oder an Wolf-Dieter Storl. (Ich hoffe, der Letztere freut sich, wenn ich ihn in einem Satz mit dem Altmeister nenne.) Hin wie her, wir haben ja wenigstens einen Mann unter uns und machen uns miteinander bekannt.

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Das fällt uns leicht, denn Beate empfängt uns mit einem toll gedeckten Tisch und strahlendem Lächeln im Wulfenhaus, einem Gästehaus mit Küche, das zur Klosteranlage gehört. Dabei klang sie vor einigen Stunden noch ganz anders. Recht aufgelöst, berichtete sie mir am Telefon, dass man das Grün auf dem gesamten Klostergelände vor einiger Zeit ordentlich gemäht hätte. Und weil es seit diesen Tagen nicht mehr geregnet habe, sei kaum etwas nachgewachsen. Als ich sie beruhigend auf das Gelände rund um die Teiche hinweisen wollte, konnte sie auch nur mit Hiobsbotschaften aufwarten. Die versandeten Teiche werden gerade renaturiert. Das ist im Prinzip eine gute Sache. Allerdings haben die Baumaßnahmen die Vegetation im Uferbereich arg in Mitleidenschaft gezogen. Da blieb nichts übrig, was man hätte sammeln können.

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Das sind keine besonders guten Voraussetzungen für ein Wildkräuterwochenende. Als wir uns dann etwas später gemeinsam die Lage ansehen, war es doch nicht ganz so schlimm, wie auf den ersten Blick befürchtet. Es fanden sich doch noch einige Ecken, an denen wir fündig werden würden.

Nach der obligatorischen Vorstellungsrunde setzen wir uns und genießen die Köstlichkeiten, die Beate für uns vorbereitet hat. Es gibt jede Menge gesundes Zeugs. Das meiste davon ist selbstgemacht und natürlich vegetarisch. Ich bin fasziniert. Die Arme muss tagelang zuvor in der Küche gestanden haben, um alles vorzubereiten. Knäckebrot, zwei verschiedene Arten eines Möhren-Tomaten-Aufstrichs (exotisch und mediterran), falsche Leberwurst aus Eichelmehl, Nusshonig und weitere leckere Sachen. Ich koste von allem, finde es total lecker und beschließe, dass ich sie überreden werde, ein Kochbuch zu schreiben.

Während wir noch eifrig beim Essen sind und alles mit aromatisiertem Wasser oder Tee aus frisch gesammelten Kräutern herunterspülen, gibt es die erste Planänderung. Das Kloster hat uns zum Gottesdienst eingeladen und bis auf den freiwilligen Spüldienst, nehmen alle daran teil. Danach werden, wie vorgesehen, organisatorische Dinge besprochen, die Skripte mit den Rezepten ausgeteilt und schon eilen die Kulturbegeisterten unter uns zur nächsten Veranstaltung. In der wunderschönen Kapelle des Klosters wird ein „Frühlingsabend mit sechs Frauengeschichten“ angeboten. Ich ärgere mich, dass ich mich nicht vorher darüber informiert habe und nicht daran teilnehmen kann. „Da berühren sich Himmel und Erde – Biblische Erzählungen und Musik“ klingt echt spannend. Aber so ist das Leben. Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen.

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Am Samstag den 26.05.2018 trudle ich als letzte in der Küche des Wulfenhauses ein. Die anderen Teilnehmer begrüßen den Tag schon mit warmen Ingwerwasser und angeregten Gesprächen. Obwohl es erst 7:30 Uhr ist, wundere ich mich nicht darüber. Schließlich kenne ich die heilsame Wirkung, die dieses Kloster auf die Menschen hat, die es aufsuchen. Auf meine Nachfrage bestätigen auch alle, dass sie wunderbar geschlafen haben. Und so ergibt ein Wort das andere. Wir erzählen, tauschen uns aus und kommen gar nicht so richtig „aus dem Knick“, wie man das so nennt. Dabei wollen wir doch laut Plan erst eine Runde Qigong zum Morgen machen, dann Kräuter fürs Frühstück sammeln und diese auch noch vor der ersten Tagesmahlzeit verarbeiten. Aber Entspannung geht vor, sagen wir uns. Als wir endlich losschlendern hat es niemand besonders eilig. Das ist mir Recht, denn ich werde das Qigong anleiten und da ist Hektik nicht von Nutzen.

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Wir üben barfuß, unter einem Kirschbaum auf der Wiese zwischen Hauptgebäude und Kräutergarten. Dabei wundern wir uns, dass sich die Kirschen schon rot färben. In diesem Jahr ist alles recht zeitig und die Sonne versucht ihr Bestes, um einen sommerlichen Eindruck zu machen. Nach einer halben Stunde sind wir noch entspannter, nehmen wir unsere Sammelkörbe und bummeln los. Der erste Weg führt uns zu dem von einer Hainbuchenhecke umschlossenen Kräutergarten.

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Es dauert eine ganze Weile, bis Beate all unser Fragen zu den einzelnen Pflanzen beantwortet hat. Die Zeit verrinnt und wir sollten doch langsam mit dem Sammeln beginnen, mahnt die Chefin. Schließlich knurrt der eine oder andere Magen schon bedenklich. Wider Erwarten sind die Körbe schnell gefüllt. So schlimm, wie es auf dem ersten Blick schien, ist die Sache mit dem Mähen doch nicht gewesen. Es gibt noch genug für uns zu pflücken.

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Im Wulfenhaus zurück, verteilen wir die Arbeiten. Kräuter waschen, Obstsalat aus mitgebrachten Früchten machen, Tee kochen, süßen Quark anrühren, Tischdecken. Für jeden findet sich eine Aufgabe. Mir fällt das Kaffeekochen zu. Als geborener Sachse bin ich da natürlich in meinem Element, glaube ich zumindest. Aber dieser Kaffee wird anders. Er bekommt als Zugabe Kardamom und Ingwer. Dann gibt es noch einen Löffel Dinkelkaffe und eine Prise Kaffeegewürz. Die Reaktionen auf die ersten Schlucke sind gespalten. Doch nach und nach überwiegt die Zustimmung. Da bin ich aber froh. Über das tolle Budwig-Müsli und Beates Brotaufstriche sind sich dagegen alle einig. Lecker, klasse und „ist das Rezept dafür auch in unserem Skript?“, lauten die Kommentare. Wenn eine Frühstückszutat darin nicht aufgeführt ist, dann wird einstimmig gefordert, dass wir wissen wollen, was und wie es hergestellt wird. Nebenbei haben wir auch noch eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Wir sollen uns entscheiden, was wir während des Kurses selber fertigen wollen. Am liebsten würden natürlich alle auch alles machen, aber dazu reicht die Zeit nicht. Schweren Herzens müssen wir Abstriche machen. Auf alle Fälle wollen wir ein Massageöl, Gelenksalbe, ein Körperpeeling und natürlich auch Kräutersalz mit nach Hause nehmen.

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Weil das späte Frühstück so lecker ist und wir zudem so viele Fragen an Beate haben, ziehen wir erst am sehr vorgeschrittenen Vormittag los, um die Kräuter für unser Mittagessen und die diversen Vorhaben zu sammeln. Es soll Spinat aus Brennnesseln und Giersch geben. Wir verlassen das Klostergelände und schlendern ein Stück auf dem Annenpfad, der das Kloster Heiligengrabe mit den Kirchen in Bölzke und Alt Krüssow verbindet, entlang. Natürlich wachsen am Wegesrand diverse Kräuter und Beate muss tausend Fragen nach Namen und Verwendung beantworten. Das tut sie mit einer Engelsgeduld und einem immensen Wissen. Es ist total interessant, aber wirklich vorwärts, kommen wir auf diese Art nicht. Als wir uns dann im Wald über die Erfahrungen beim Waschen mit Efeu austauschen, tut mir unser einziges männliches Teammitglied doch schon etwas leid. Ich glaube nicht, dass ihm dieses Thema liegt. Außerdem ist es weit über Mittag und wir haben immer noch nicht besonders viel in unseren Körbchen. Irgendwann sehen wir das ein, und beginnen endlich mit dem Sammeln. Bei so vielen Händen kommt die erforderliche Menge schnell zusammen und wir wandern frohgemut zurück.

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Der Zeitplan ist uns inzwischen völlig egal, denn niemand will sich unter Druck setzen. Wir beginnen mit den Vorbereitungen für die Eigenkreationen und das Mittagessen, das wohl eher ein Brunch werden wird. Wie vorher werden die Aufgaben ohne Zeigefinger aufgeteilt und alle suchen sich eine nützliche Beschäftigung. Am großen Küchentisch zupfen wir dann tapfer die Blätter von den Brennnesseln. Den Giersch vorzubereiten ist längst nicht so schmerzhaft. Aber was soll es, auch diese Arbeit ist irgendwann getan, auch wenn kurz vor Schluss noch ein weiterer Korb mit Nesseln auftaucht. Kartoffeln schälen, Rührei machen, den Sud für die Salbe vorbereiten, die Kräuter für das Salz zubereiten – wir sind alle stark beschäftigt. Trotzdem findet man auch Zeit, die von Beate mitgebrachte Literatur durchzublättern, sich Notizen zu machen und Erfahrungen auszutauschen. Unsere Gruppe ist bunt gemischt. Einige sind Neueinsteiger auf dem Kräutergebiet, andere haben schon Erfahrungen damit. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sich Menschen, die sich nicht kennen, durch ihre gemeinsamen Interessen schnell zueinanderfinden.

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Aus unserem Mittag ist tatsächlich ein Brunch geworden. Der Brennnessel-Giersch-Spinat ist nicht jedermanns Sache, aber man kann ihn essen, finden wir. Alles andere ist wie immer total lecker. Satt und zufrieden sitzen wir um den großen Tisch und beschließen, den Zeitplan endgültig zu den Akten zu legen. Stattdessen bereiten wir weiter unsere Mischungen vor. Das Rohmaterial für das Kräutersalz trocknet im Dörrapperat. Abgewaschen muss auch noch werden, denn es gibt keinen Geschirrspülautomat. Bei zwölf Personen kommt einiges zusammen. Und da sind noch nicht einmal die Sachen mitgerechnet, die wir zum Zubereiten unserer Rezepte brauchen. Trotzdem geht alles reibungslos und gelassen über die Bühne. Nach getaner Arbeit hängen wir die Trockentücher in den Dornbusch an der Hausmauer und freuen uns über den Anblick, als hätten wir ein Kunstwerk geschaffen.

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Wer mag, zieht noch einmal mit dem Körbchen los und besorgt dieses und jenes. Das Abendessen lassen wir einstimmig ausfallen, alle sind noch satt. In der Küche wird gewerkelt. Schneiden, Mixen, Rühren, im Wasserdampf erhitzen. Es riecht nach unzähligen Duftölen, mit denen wir unsere Werke verfeinern wollen. Und es sieht ein bisschen aus wie beim Zauberlehrling. Überall stehen Büchsen, Gläser, Tüten mit geheimnisvollem Inhalt herum. Und dann sind da noch Kräuter über Kräuter.

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Manchmal wuseln wir alle durcheinander und stellen gleichzeitig unsere Fragen. Beate behält die Übersicht. Sie erklärt, zeigt und behält die Geduld. Die Zeit vergeht, und nach und nach werden wir müde, unser Arbeitseifer erlahmt. Schlussendlich sitzen alle am Tisch und blättern in ihren Aufzeichnungen. Ich mache mich müde auf den Heimweg und werfe zuvor noch einen Blick in die Runde. Ich glaube nicht, dass hier noch eine Party stattfinden wird. Alle sehen ziemlich geschafft aus.

Am Sonntag den 27.05.2018 bin ich nicht die Letzte, die sich am frühen Morgen, diesmal schon um sieben, in der Küche einfindet. Bei einer Tasse Ingwerwasser erfahre ich, dass am vergangenen Abend tatsächlich keine großen Sprünge mehr gemacht wurden. Aber ein Märchen gab es noch. Beate hat es vorgelesen. Ich ziehe einen Flunsch. Schade, da habe ich wieder was verpasst. Weil heute schon der letzte Tag ist, können wir nicht so bummeln, wie gestern, und ziehen zum Qigong los. Auf unserem Platz unter dem Kirschbaum beginnen wir den Tag wieder mit einigen Übungen. Danach teilen wir uns auf. Einige machen sich auf den Weg zum Kräutersammeln. Andere gehen gleich zum Wulfenhaus, um das Frühstück vorzubereiten. Ich melde mich wieder zum Kaffeekochen. Nachdem er gestern doch noch recht gut angekommen war, freue ich mich schon auf die erste Tasse dieses Wundergetränks.

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Die Sammeltruppe kommt bald zurück und wir alle wuseln durch die Küche, um das Frühstück aufzutischen. Bei vierundzwanzig Händen geht das ziemlich schnell. Bald sitzen wir wieder am Tisch. Es ist lecker wie am Vortag. In unsere muntere Plauderei schleicht sich ab und zu ein bisschen Wehmut ein. Das Ende des Kurses ist leider schon in Sicht. Aber es bleibt keine Zeit, darüber zu jammern, denn die Arbeit ruft. Wir wollen unsere Produkte fertigstellen, das Mittagessen vorbereiten und so ganz nebenbei müssen die Sachen gepackt werden, denn die Heimreise steht an.

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Unsere Küche verwandelt sich wieder in ein Laboratorium, das auch in Hogwards sein könnte. Wäre der Tisch nicht so stabil, würde er sich unter den Gläsern und Flaschen biegen. Nach und nach werden die letzten Vorhaben abgearbeitet. Alle beschriften stolz ihre Gefäße. Wir haben an diesem Wochenende nicht nur viel gelernt, sondern danach auch eine Menge vorzuzeigen. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen zum Mittagessen. Heute gibt es Kartoffeln mit Kräuterquark. Der schmeckt diesmal allen richtig gut.

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Als die Teller leer sind, gibt es noch ein Märchen. Es ist ein bisschen traurig und passt daher gut zu unserer Stimmung. Bei der anschließenden Feedbackrunde kommt natürlich von etlichen Seiten die Zu-kurz-Bemerkung. Aber sonst sind alle zufrieden. Die Mischung aus Neulingen und alten Hasen passte. Selbst unser einziger Mann sagt, dass er sich in der schnatternden Frauenrunde wohl gefühlt hat. Wir tauschen Adressen und Telefonnummern, denn die Ersten müssen schon los. Wer noch geblieben ist, räumt auf und packt zusammen. Ich bestehe währenddessen auf einem Abschiedsschmankerl. Das gab es im letzten Jahr auch, ist mein Argument. Ich liebe die Datteln, die mit Mandelmus gefüllt und einer Walnuss garniert werden. Das Anrichten dieser Leckerei wird unsere letzte gemeinsame Aktion. Na ja, nicht ganz. Wir setzen uns noch einmal an den Tisch und genießen den Naschkram. Dann verabschieden sich die Nächsten. Das Haus leert sich nach und nach. Beate packt nun auch ihre gefühlt tausend Utensilien zusammen. Damit beladen wir ihr Auto. Eine letzte Umarmung, dann mache ich mich auf den Heimweg. Ich seufze ein bisschen, weil es schon vorbei ist, und freue mich doch schon auf das nächste Mal.

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Kurzgeschichte

Der Albtraum

Es passiert schon wieder! Irgendetwas packt mich grob im Genick und wirft mich in eine dunkle Kiste. Der Boden schwankt, denn sie wird hochgehoben und unsanft auf die Ladefläche eines Autos geschleudert. Das Fahrzeug setzt sich in Bewegung. Ich weiß, was jetzt kommen wird und verkrieche mich panisch in einer Ecke der Kiste. Aber das nützt nichts. Auch das weiß ich, aber ich mache es trotzdem. Jedes Mal wieder. Dann halten wir an. Vielleicht hatte ich die Hoffnung, dass die Fahrt ewig dauern könnte. Aber auch das bleibt eine Illusion.

Der Deckel der Kiste öffnet sich und man schüttet mich kopfüber in ein dunkles Loch. Das kenne ich. Hier war ich schon. Und nicht nur einmal. Es riecht nach Angst, Urin und Verzweiflung. Ein Teil des Gestankes ist von mir. Ich kann aber auch die Ausdünstungen eines Anderen erkennen. Ein Leidensgenosse? Es ist sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen. Er hat genau so wenige Chancen wie ich, aus diesem Albtraum zu entkommen. Und weil ich weiß, was jetzt passieren wird, kaure ich mich in die hinterste Ecke dieses widerlichen Gefängnisses. Ich will es nicht, aber ich merke wie sich meine Blase entleert. Jetzt sitze ich in meiner eigenen Pfütze. Doch ich habe keine Zeit, mich vor mir selber zu ekeln.

Er kommt! Ich höre meinen Peiniger schnaufen und knurren. Er kann meine Angst riechen und nähert sich mir mit geiferndem Gebrüll. Kurz bevor er seine Zähne in mein Fleisch schlagen kann, stoppt ihn ein Gitter. Das macht ihn noch viel wütender. Ich kann seinen Atem spüren und sein Speichel spritzt mich an. Wenn das Gitter nicht wäre, würde er mich zerreißen! Wie immer habe ich Angst, dass es nicht hält. Mein Herz klopft, als wolle es zerspringen. Voller Panik schließe ich die Augen.

Auf einmal ist alles vorbei. Mein Widersacher scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Nur noch von weiten höre ich sein Protestgeschrei. Man packt mich, stopft mich erneut in die Transportkiste und wir fahren zurück. Dort wirft man mich in meinen altbekannten Käfig und überlässt mich meinen widerstrebenden Gefühlen. Ich weiß, momentan bin ich in Sicherheit. Ich bin gefangen, aber nicht in unmittelbarer Gefahr. Jetzt ist Zeit, dass ich mich ausruhen kann, sagen sie. An ihrem Grinsen erkenne ich, dass sie bald wieder kommen werden, um mich erneut zu holen.

Ich verkrieche mich in der hintersten Ecke meiner Hütte, rolle mich zusammen und versuche zu schlafen. Wenn ich es mir ganz doll wünsche, wache ich vielleicht nie wieder auf, weil mein Herz einfach stehen bleibt.

Auszug aus dem Tagebuch eines Fuchses, der in einer Schliefenanlage zum Abrichten von Hunden benutzt wird.

P.S. Die Schliefenanlage des Pritzwalker Jagdvereins befindet sich in Streckenthin und die Füchse „erholen sich von ihrer Arbeit“ im hiesigen Streichelzoo.

fuchs

Bildquellenangabe: Renate Tröße  / pixelio.de
Gedichte und so

HH – Haiku im Herbst

Mir ist in dieser Woche tatsächlich mal wieder danach Haikus zu schreiben.

Wer noch nie davon gehört hat, hier kommt die Erklärung:

Haiku (jap. 俳句; Plural: Haiku, auch: Haikus) ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die heute weltweit verbreitet ist. Das (oder der) Haiku gilt als die kürzeste Gedichtform der Welt.
Zu den bedeutendsten Haiku-Dichtern zählen Matsuo Bashō (1644–1694), Yosa Buson (1716–1783), Kobayashi Issa (1763–1827) und Masaoka Shiki (1867–1902). Bashō erneuerte mit seinen Schülern die Haikai-Dichtung und ermöglichte ihr die Anerkennung als ernsthafte Literatur. Shiki gilt als Begründer des modernen Haiku. Er war es, der den Begriff Haiku prägte (gegenüber dem älteren Haikai oder Hokku).
Japanische Haiku bestehen meistens aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten (Moren), wobei die Wörter in den Wortgruppen vertikal aneinandergereiht werden. Es gibt jedoch kritische Stimmen über die Verteilung von Silben wie Vicente Haya[1] oder Jaime Lorente[2]. Unverzichtbarer Bestandteil von Haiku sind Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart. Vor allem traditionelle Haiku deuten mit dem Kigo eine Jahreszeit an. Als Wesensmerkmal gelten auch die nicht abgeschlossenen, offenen Texte, die sich erst im Erleben des Lesers vervollständigen. Im Text wird nicht alles gesagt, Gefühle werden nur selten benannt. Sie sollen sich erst durch die aufgeführten konkreten Dinge und den Zusammenhang erschließen.[3]

Quelle: Wikipedia

 
Herbst
 
Hell der Sonnenschein.
Farbenspiel verwirrt den Sinn.
Nichts ist für ewig.
 
 
 
Herbst II
 
Schattenspiel im Grau.
Unsteter Blick gleitet hinweg.
Die Wahrheit verschwimmt. 

 

E-Books & Bücher

Altes Haus und neues Glück

Wer Lesefutter für die grauen Nebeltage und fürs Herz sucht, der findet das garantiert in der überarbeiteten Neuauflage meines Romans „Altes Haus und neues Glück“.

So ganz nebenbei erfährt man noch etwas über einen relativ unbekannten Teil Deutschlands, denn das Buch trägt den Untertitel „Ein Prignitz-Roman“.

Dank der wunderbaren Lektorin Elsa Rieger, dem Beistand von Sibylle Godek, Ilka Hempel, Daggi Geiselmann und den fleißigen Leserinnen der Leserunde von Lovelybooks ist mein vordem etwas holpriger Erstling nun gebügelt, gestärkt und im neuen Gewand  erschienen.

Man bekommt „altes Haus und neues Glück“ als Taschenbuch oder E-Book im Buchhandel und auf allen gängigen Plattformen.

Hier der Link zu Amazonhttps://www.amazon.de/Altes-Haus-neues-Gl%C3%BCck-Prignitz-Roman/dp/3752840463/

Und eine Leseprobe für alle Neugierigen:

Die Haustür fiel mit einem Krachen ins Schloss. Alexandra zuckte zusammen. Sie hörte schnelle, leise Schritte, das Zufallen einer Autotür und dann fuhr er davon.
Er fuhr. Er fuhr! Für immer?
Für immer.
Die plötzliche Stille lastete schwer auf Alexandra. Ihre Knie wurden weich und die Beine begannen zu zittern. Damit sie nicht umfiel, stützte sie sich an der nächstgelegenen Wand ab. Erst nur mit den Händen, dann mit dem Rücken und schließlich rutschte sie langsam in sich zusammen, bis sie auf dem schmutzigen Boden saß.
Ihre Gedanken überschlugen sich und sie murmelte: »Aber das kann er doch nicht machen. Ich habe alles für ihn aufgegeben. Ich habe alle Brücken abgebrochen. Ich wollte noch einmal komplett neu anfangen. Ich habe alles gemacht. Seinetwegen. Nur wegen ihm bin ich überhaupt hier!«
Was sollte sie jetzt tun? Panik überfiel sie, während sie gleichzeitig auf das Brummen eines Autos lauschte. Sicher würde Thomas gleich zurückkommen. Sie stand langsam auf, schlurfte in Richtung Tür und fühlte sich dabei wie eine alte Frau.
»Bloß nicht durchdrehen«, flüsterte sie mit versagender Stimme. Alles würde sich aufklären. Ganz bestimmt. Der Streit war nur ein fürchterliches Missverständnis gewesen. Sie klammerte sich verzweifelt an diese Vorstellung, wenngleich ihre Hoffnung mit jeder Sekunde des Wartens schwand. Die Zeit verrann.
Verlassen und hilflos stand sie da, inmitten von grauen Umzugskartons, bunten Kisten und dem alten Hausrat, der einmal einer gewissen Frau Elsa gehört hatte. Bei dem alten Zeugs stand ein Spiegel und Alexandra schaute zufällig hinein. Sie sah eine kleine, nicht mehr ganz junge Person mit kurzen blonden Haaren. Sie krümmte sich, schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte fassungslos den Kopf. In den folgenden Minuten schien sie buchstäblich zu schrumpfen.
Einige der Gespräche, die sie in den letzten Wochen geführt hatte, kamen ihr in den Sinn. Wortfetzen, Satzfragmente aus den Unterhaltungen mit Freundinnen und Bekannten. Fast alle hatten mit verständnisloser Miene gemahnt: Sag hinterher nicht, wir haben dich nicht gewarnt.
Aber wer wollte so was schon hören! Sie jedenfalls nicht.
Und was hatte Thomas Mal für Mal gesagt? »Stell dir vor, wie schön das wird – nur wir zwei – auf dem Land – ich besitze einige Ersparnisse – davon können wir leben.« Alexandras Gegenargumente waren von Anfang an recht schwach gewesen. Dass sie keine Ahnung vom Landleben hätte, dass ihr die Stadt und all das Drumherum fehlen würden. Dass sie beide sich noch nicht so lange kannten. Aber eigentlich spielte das alles keine Rolle. Daher verstummten ihre Einwände mit der Zeit. Die Hauptsache war doch, sie würde mit ihm zusammen sein. Das war ihr lang gehegter Traum! Und der sollte nun endlich Wirklichkeit werden. Ihr Leben war perfekt! Thomas war ihr Seelenverwandter, auf den sie so lange gewartet hatte. Da war es egal, ob man sich Wochen oder Jahre kannte. Er hatte ihre Zweifel bis vor Kurzem einfach weggeküsst und sie in die Arme genommen. Wenn sie verabredet waren, sagte er Alexandra all die Sachen, die sie so gern hörte und ewig nicht mehr gehört hatte. Schon lange hatte sie sich nach einer festen Beziehung gesehnt und war es leid, dass die Zeit verging und kein Mann an ihrer Seite war. Natürlich gab es immer wieder irgendwelche Abenteuer, aber da war nichts für die Dauer darunter gewesen. Sie wollte vertrauen und sich auch einmal fallen lassen. Die Starke und Taffe hatte sie lang genug gespielt. Hatte sie nach außen hin geben müssen. Und das fiel ihr nicht leicht, denn sie sehnte sich danach, sich auch mal an jemanden anlehnen zu dürfen und nach Geborgenheit. Das hatte kaum irgendwer gewusst, denn diese Sehnsucht stak gut verborgen tief in ihr drin.
Bis sie Thomas kennengelernt hatte. Der war genau der Mann, der wusste, wo es langging. Es war einfach himmlisch mit ihm. Er hatte Unternehmungsgeist und Schwung. Für ihn war das ganze Leben ein aufregendes Abenteuer. Das tat ihr gut und sie hatte sich mühelos von seiner Begeisterung anstecken lassen. Und nun war sie hier gelandet.
 
Altes Haus und neues Glück

 

Unterwegs

Von Messern, Stöcken und (gar nicht so) zarten Fäusten

 

Mein Trainingstagebuch der 5. Frauenkampfkunstwoche 2018 beim Reit- und Erlebnishof Preddöhl

Die Kampfkunst ist zum Glück schon lange keine Männerdomäne mehr. Es gibt viele Frauen die Spaß und Freude daran haben. Inzwischen können alle, die Lust darauf haben, die unterschiedlichsten Stile der Kampftechniken erlernen. Die unterscheiden sich in einigen Aspekten relativ stark und haben doch viele Gemeinsamkeiten.  Eine perfekte Möglichkeit mal über den Tellerrand der eigenen Trainingseinheiten hinauszuschauen, ist die Frauenkampfkunstwoche in Preddöhl. In diesem Jahr trafen sich zum 5. Mal mehr als 50 Teilnehmerinnen um miteinander zu trainieren und voneinander zu lernen. Sie waren aus ganz Deutschland und halb Europa angereist. Den weitesten Weg hatte wohl die Aikido-Trainerin, die aus Finnland kam. Für eine Woche fand sich in der Prignitz eine bunt gemischte Truppe von Frauen und Mädchen zusammen, die in Kampfstil, Größe, Alter und Erfahrungen eine ziemliche Bandbreite abdeckten. Und ich war eine von ihnen. (Verhältnismäßig klein, nicht mehr jung und mit Erfahrungen im Shuri Ryu Karate, die sich als nicht besonders fortgeschritten bezeichnen lassen, wie man an meinem grünen Gürtel erkennen kann.)

Sonntag, 22.07.2018

Der Sonntagabend beginnt mit der obligatorischen Begrüßungsrunde im Dojo des Reit- und Erlebnishofes Preddöhl. Ich blicke im Kreis herum und entdecke einige bekannte Gesichter. Unter ihnen und auch bei den unbekannten Frauen überwiegen die Braun- und Schwarzgurte. Das heißt, dass fast alle Anwesenden mehr Erfahrungen in der Kampfkunst haben. Bevor ich mir darüber Gedanken machen kann, beginnt der offizielle Teil mit den allgemeinen Mitteilungen. Da ist viel Organisatorisches für die Übernachtungsgäste darunter. Die wichtigste Information lautet: Nach dem Abendessen treffen wir uns in der Turnhalle von Gerdshagen zum Begrüßungstraining
Als Trainerinnen werden in dieser Woche vier ganz unterschiedliche Frauen agieren. Sie vertreten dabei recht verschiedene Stile.
Für die Richtung Shuri-Ryu Karate ist Lydia verantwortlich. Sie ist meine Sensei, bei der ich hier in Pritzwalk trainiere, und wird uns hauptsächlich im Stockkampf unterrichten. Der ist Teil unserer Karateform. Außerdem fungiert sie gleichzeitig als Mitglied des Organisationskomitees.
Li aus Bonn ist Meisterin im Kungfu To’A. das ist ein iranischer Kungfu-Stil, der sich durch vielseitige Tritte und Trittkombinationen auszeichnet.
Jenny aus Finnland soll uns Aikikai Aikido nahe bringen und lässt uns an dem Wissen teilhaben, das sie in Japan erworben hat.
Birgit schwärmt für Kickboxen und Selbstverteidigung. Als ehemalige Teamcoach für das Wado Ryu Karate Nationalteam der Frauen bringt sie uns den Freikampf nah.
In der Turnhalle Gerdshagen angekommen stellen wir uns gegenseitig kurz vor und erzählen welchen Stil wir erlernen. Ich bin erstaunt und überrascht, welche bunte Mischung hier doch angetreten ist. Von manchen Richtungen habe ich vorher noch nicht einmal den Namen gehört.
Lydia beginnt das Training mit einigen mir bekannten Übungen aus unserem Stil. So habe ich gleich zum Einstieg ein Erfolgserlebnis. Allerdings denke  ich mir schon, dass das nicht so bleiben wird. In dieser Überzeugung werde ich noch bestärkt, als wir dann eine Art Spiel spielen, in dem es um das eigene Alter ging. In zwei Gruppen sollen wir uns nach dem Alter sortieren. Die Jungen stehen vorn und mit zunehmender Lebenserfahrung ordnet man sich weiter nach hinten ein. Ich bin froh, dass ich nicht ganz als Letzte in unserer Reihe stehe.
Es gab aber keine Muße, um darüber nachzudenken, denn anschließend übernimmt Birgit das Zepter. Sie lässt uns Schläge und Sprünge in Vorbereitung auf den Freikampf ausführen, die uns schnell in Schwitzen bringen. Da kann ihr lautes RELAX noch so durch die Halle donnern, ich bin in kürzester Zeit schweißgebadet.
Ich hoffe einen Moment, dass es bei Li weniger anstrengend sein wird, werde aber sofort vom Gegenteil überzeugt. Dehnungsübungen und Sprünge schaffen es, dass meine Hose am Körper zu kleben beginnt. Das ist nicht besonders hilfreich, wenn man versucht, seine Beine so hoch wie möglich zu schwingen. Während Li beim Kungfu den Eindruck mache, als ob sie schwebe, komme ich mir eher wie ein Tanzbär vor.
Bei Jenny wird es nur scheinbar ruhiger, denn hier ist zusätzlich noch der Kopf gefragt. Aikido sieht nur auf den ersten Blick gelassen aus. Schritte, Drehungen und dazu noch Haltung mit Körperspannung bringen mich fast bis an meine Grenzen. Ehrlich gesagt, bin ich heilfroh, als das ganze Training vorbei ist. Worauf habe ich mich da nur wieder mal eingelassen?

Montag, 23.07. 2018

Die Sonne heizt schon am frühen Morgen gut ein. Zum Glück ist die Turnhalle in Gerdshagen ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Obwohl sie keine Klimaanlage hat, ist es noch relativ kühl darin. Zumindest wenn man das mit den Temperaturen außerhalb der Halle vergleicht. Ich bewundere die Frauen, die den Weg von Preddöhl per Fahrrad auf sich nehmen. Da wäre ich schon bei der Ankunft das erste Mal fix und fertig.
Es bleibt nicht viel Zeit zum Rumwundern, denn Lydia beginnt pünktlich mit dem Training. Schon beim Aufwärmen kommen die Arnis-Stöcke zum Einsatz. Ich fühle mich noch ganz gut, denn diese Sachen sind mir ja bekannt. Natürlich steigern sich die Anforderungen und als wir uns als Gruppe in Anfänger und Fortgeschrittene teilen sollen. Gehe ich lieber zu den Neulingen. Ein bisschen neidisch schaue ich zu meinen Dojo-Kolleginnen, aber ich kenne meine Schwachstellen und lasse die Experten lieber unter sich. Ich habe auch in dieser Gruppe genug zu tun, um die gestellten Aufgaben zu bewältigen. Ab und zu kann ich mal nach rechts und links einen Ratschlag geben. Das schmeichelt meinem Ego.
Nach einer kurzen Pause ist Li an der Reihe. Nach ihrer Erwärmung wissen wir endgültig, was Schwitzen ist. Nicht, dass wir in uns der vorigen Runde ausgeruht hätten, aber da war eher der Kopf gefordert. Jetzt ist Kondition gefordert. Beine hoch und runter, eine ausgiebige Dehnungseinheit die an Yoga erinnert – und schon bin ich klatschnass geschwitzt. Die Kommandos werden teilweise in Deutsch und manchmal auch in Englisch gegeben. Dann geht es paarweise weiter und ich erwische zum Glück jemanden aus meinem Pritzwalker Kurs. Da kann ich notfalls etwas Rücksicht einfordern, denn meine Partnerin kennt mich und weiß, dass sie das Schlagkissen nicht zu hoch halten braucht. Immerhin bekomme ich einen einigermaßen anständigen Mawashi oder Roundhouse-Kick, wie er bei Li heißt, hin. Dann sollen wir zusätzlich springen und uns drehen. Und alles in Kombination. Kick, Sprung, Kick, Drehung, Kick. Oder anders herum? Ich bin leicht überfordert. Mir läuft das Wasser am Körper herunter. Die Hose klebt wieder an den Beinen und mir wird langsam klar, warum man Kickboxen in kurzen Hosen macht. Als ich mich umblicke, um zu verschnaufen, stelle ich fest, dass es etlichen anderen auch nicht besser geht. Einige steigen sogar schon aus. Ich halte gerade so bei der Stange und bin heilfroh, als es ans Dehnen geht.
Nach der Mittagspause übernimmt Jenny mit Aikido das Kommando. Allerdings erfolgen alle Anleitungen auf Englisch. Auch hier erinnert die Erwärmung stark an Yoga. Zwischendurch gibt es noch etwas, was an Tanzschritte erinnert. Es sieht elegant und mühelos aus, aber irgendwie will es mir nicht so recht gelingen alles nachzumachen. Die Ausführung der scheinbar leichten Bewegungen ist kompliziert. Irgendwie bin ich mit rechts und links überfordert. Liegt es am Wetter, daran, dass es die dritte Einheit am heutigen Tag ist oder bin ich einfach zu blöd? Wieder einmal schiele ich zu den anderen Mitstreiterinnen. Manch einer geht es ähnlich wie mir. Das tröstet mich. Und so freue ich mich an der Eleganz von Jennys Bewegungen während ihrer Erklärungen. Es sieht so spielerisch leicht aus, was sie macht. Ich habe nicht allein diesen Eindruck, denn ein bewunderndes Raunen geht durch die Halle, als sie eine unerwartete Drehung mit einem perfekten Block kombiniert.
Die Übungseinheit vier verspricht Freikampf. Ich fühle mich total erschöpft und möchte am liebsten schwänzen. Aber dann packt mich der Ehrgeiz und ich bleibe. Weil es schon spät ist und wir alle im wahrsten Sinne des Wortes etwas abgekämpft aussehen, nimmt Trainerin Birgit auf uns Rücksicht. Sie meint wir würden es etwas langsam angehen. Und schon dröhnt ihr RELAX durch die Halle. Eins, zwei und drei zu zählen, sollte eigentlich kein Problem sein. Doch auch das stellt sich als kompliziert heraus. Eins vor und eins zurück ist noch logisch. Zwei vor und eins zurück wird schon schwerer. Drei vor und eins zurück erweist sich schon ohne Technik als kompliziert. Als ich es mit einem Fauststoß kombinieren soll, habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr bis drei zählen kann. Köper und Geist geraten an ihre Grenzen und ich bin wieder klatschnass geschwitzt. Was für eine Erholung ist da sie gegenseitige Schüttelmassage, die den Abschluss bildet.

Dienstag, 24.07.2018

Ich habe an diesem Morgen das Qigong angeleitet und komme daher total entspannt in der Halle an. Jenny beginnt das Aikido mit ihrer genialen Erwärmung. Diesmal wird auch die Stimme eingesetzt und die ganze Halle vibriert von unseren Schreien. Dann geht es weiter mit Rechts-Links-Übungen. Die morgendliche Entspannung weicht und es klappt leider nicht viel besser als am Vortag. Jenny hat Geduld und erklärt immer wieder, was wir machen sollen. Ich übe beharrlich und tatsächlich funktioniert es ab und zu.
Nach der Pause steht Freikampf auf dem Programm. Schon die Erwärmung ist schweißtreibend. Die Temperaturen außerhalb der Halle sind wieder auf 30 Grad geklettert. Innen ist es vielleicht etwas kühler, aber nach kurzer Zeit klebt mir schon wieder die Hose an den Beinen. Partnerübungen werden angesagt. Natürlich wird auch rechts und links wieder gefordert. Ständig neue Partnerinnen sollen uns an wechselnde Situationen gewöhnen. Ich sehe ja den Sinn dahinter ein, gerate aber mehrmals an Schwarzgurte der verschiedenen Stile. Da denke ich so bei mir, dass die sich freuen werden, wenn ich mehr Angst als Kampfgeist zeige. Aber alle beweisen erstaunlich viel Geduld. Und so lerne ich einige Sachen, von denen ich hoffe, dass ich sie auch behalte. Schau an, der ungeliebte Freikampf kann sogar Spaß machen. Trotzdem bin ich froh, als die Mittagspause heran ist.
Lydia übernimmt das Kommando nach dem Mittag. Doch zuerst wollen wir ein Erinnerungsfoto machen. Das hört sich leichter an, als es getan ist. Wegen der Sache mit dem Datenschutz muss man auf Nummer sicher gehen, dass auch alle einverstanden sind, um die Bilder veröffentlichen zu können. Als dann endlich klar ist, dass alle die Erklärung unterschrieben haben, stellen wir uns zur Fotosession auf. Danach beginnt aber das Training. Heute stehen keine Stöcke auf dem Programm, sondern Teile aus einer Katta. Das ist eine vorgeschriebene Abfolge von Bewegungen, die wir je nach Gurtfarbe erlernen. Über die Wunshu bin ich ja eigentlich hinaus. Das bedeutet aber auch, dass ich sie lange nicht gemacht habe. Genau wie bei allem anderen ist es auch bei einer Katta so, dass wenn man sie nicht übt, sie langsam in Vergessenheit gerät. Als Lydia auffordert, dass sich diejenigen, die sie kennen, sich melden, zögere ich und hebe nur ganz vorsichtig meinen Arm. Erst als ihr auffordernder Blick mich streift, recke ich ihn nach oben. Wir bekommen eine Partnerin, aus einem anderen Stil und sollen mit ihr üben. Allerdings ist das Ganze als Zweierübung ausgelegt. Darauf bin ich gar nicht eingerichtet und somit reichlich verwirrt. Zum Glück stehen die Frauen aus meinem Dojo in der Nähe. Kurz entschlossen bauen wir uns nebeneinander auf und versuchen unser Bestes. Es ist nicht einfach. Einerseits muss ich schauen, was meine Mitstreiterinnen machen und anderseits habe ich ja noch die Partnerin aus dem anderen Stil, mit der ich arbeiten soll. Manchmal scheitert es schon an den Kleinigkeiten. Allein die Stände heißen unterschiedlich. Das gilt auch für die Tritte und die Blöcke. Trotzdem finden wir zueinander und üben beständig. Dabei geht die Zeit schnell vorbei. Zum Abschluss sollen drei unserer Berliner Braungurte die ganze Katta vorzeigen. Meine Übungspartnerin zeigt sich beeindruckt.
Nach einer kleinen Stärkung mit Kaffee und Keksen hat Li wieder das Sagen. Sie jagt uns durch die Halle, dass der Schweiß in Strömen fließt. Dann fragt sie auch noch, ob wir schon warm sind. Ein kollektives Schnaufen bestätigt das. Also gehen wir zum Dehnen über. Dehnen, dehnen und nochmals dehnen. Dann kommen Tritte an die Reihe. Einige der Namen sind mir bekannt, andere nicht. Zumindest weiß ich, was von mir erwartet wird, auch wenn ich es nicht immer so hinbekomme, wie ich es gern hätte. Wir bilden Dreiergruppen und machen Stand- und Stabilisationsübungen. Dann gehen wir zu Partnerübungen mit Schlagkissen über. Es werden Tritte mit Sprung und mit Drehung geübt. Meine Partnerin bringt mich schon mal ganz schön aus dem Gleichgewicht. Aber ich kenne sie und ihre Art, daher kann ich damit umgehen und bin nicht sauer. Dafür genieße ich die abschließende Shihatsu-Massage auf der Wiese doppelt.

Mittwoch, 25.07.2018

Es geht los mit Freikampf. Trainerin Birgit lässt ihr unnachahmliches RELAX durch die Halle schallen. Manchmal hängt sie aus Übermut noch eine Schlagkombination mit einem kräftigen BUH hintendran. Wir sind begeistert über so viel Power. Zu Beginn gibt es eine wilde Erwärmung mit Drehungen und Tritten. Dann sollen wir das Bein auf die Schulter einer Partnerin legen. Das hört sich schlimmer an, als es ist, denn ich finde mich schon nach drei Tagen erstaunlich beweglich. Außerdem gehen wir relativ vorsichtig miteinander um. Keine will unbedingt beweisen, dass sie mehr drauf hat, als die Mitstreiterinnen. Das ist einer der Gründe, warum ich am liebsten mit Frauen trainiere. Allerdings bin ich der Frau, der ich bei dieser Übung gegenüberstehe, wohl doch zu klein. Wir wechseln zu Jenny, die bisher jedes Training der Kolleginnen mitgemacht hat. Sie ist viel größer als ich und hat ebenfalls eine kleinere Partnerin. Um den Tausch zu begründen, sage ich, dass ich „to small“ bin. Sie schaut auf mich herunter und grinst: „You are perfect.“ Na das ist mal eine Ansage! Ich glaube, ich bekomme mein Bein gleich zehn Zentimeter höher als sonst. Dann geht es ans Eingemachte. Wir üben die Sequenz von gestern und erweitern sie um einige Nuancen. Hatte ich erwähnt, dass ich Freikampf nicht mag? Jedenfalls habe ich so viel Spaß, dass ich manchmal lachend durch die Halle hüpfe. Das liegt unter anderem auch daran, dass ich mich über mich selbst amüsiere. Es ist schon erstaunlich, wie oft man rechts und links verwechseln kann, auch wenn man jeweils nur zwei Arme und Beine hat. Eigentlich war hüpfen bei mir in der letzten Zeit nicht so sehr angesagt. Jetzt macht es mir nichts mehr aus. Schon nach zwei Tagen intensiven Trainings scheint mein Körper dehnbarer und auch irgendwie kräftiger. Erstaunlich. Schade, dass an diesem Nachmittag kein Training ist. Mir wird direkt was fehlen.
Nach der Pause steht aber erst einmal Aikido an. Ohne Frage bringt uns Jenny sofort wieder zum Schwitzen. Vor allem die Dehnung hat es in sich. Doch während ich die Zähne zusammen beiße, denke ich, dass man solche Übungen viel öfter machen sollte. Leider kenne ich meinen inneren Schweinehund und so wird daraus sicher nichts werden. Beim Üben bauen wir auf das schon Gelernte auf. In ihrer unnachahmlichen Art erklärt Jenny uns, was sie von uns erwartet. Das Ganze ist auf Englisch, aber meine Sprachkenntnisse reichen. Ich glaube, auch wenn man kein Wort verstehen würde, begreift man, worum es geht. Irgendwann kommen dann Würfe an die Reihe. Während ich zuerst noch denke, dass ich mich davor dann doch drücken werde, kullere ich kurze Zeit später über den Hallenboden. Erstaunlicherweise habe ich auch hierbei Spaß. Die ganze Trainingseinheit endet mit einer Sequenz Dehnung, die es in sich hat. Bei einer rechts seltsamen Pose fragt Jenny, wie man diese denn nennen könne. Alle sind sich einig und stöhnen gemeinsam FROG. Trotzdem grinsen wir.
Der Nachmittag ist, wie schon erwähnt frei. Man kann Baden, Reiten, Relaxen. Jede mag das tun, was ihr gefällt. Auch mal schön.

Donnerstag, 26.07.2018

Das erste Training übernimmt Li. Das heißt: Tritte, Tritte, Tritte. Aber was ist nur los mit mir? Gestern habe ich mich noch gefühlt, als könnte ich Bäume ausreißen. Und heute? Anstatt zu hüpfen, schlurfe ich über den Boden und bin schon nach wenigen Minuten schweißnass, ohne wirklich viel getan zu haben. Natürlich ist es draußen unheimlich warm. Aber das kann es nicht allein sein. War die Pause am gestrigen Nachmittag kontraproduktiv? Während ich noch darüber nachdenke, wechseln wir zur Dehnung. Was für ein Glück. Es zwickt und zwackt zwar überall, aber wenigstens habe ich nicht mehr das Gefühl ein nasser Waschlappen zu sein. Dann beginnen die Partnerübungen und ich vergesse meine Befindlichkeiten und konzentriere mich auf die Aufgaben. Wieder einmal bin ich erstaunt, wie hoch ich meine Beinchen doch schmeißen kann. Mein Körper scheint sich besonnen zu haben.
Das Gehirn hängt allerdings immer noch im Ruhemodus. Das merke ich peinlich berührt, als wir in der nächsten Runde mit Lydia Stockkampf trainieren. Eigentlich sollten mir die Grundlagen aus unserem Stil bekannt sein. Aber ich verwechsle die einfachsten Sachen und verstecke mich wieder in der Gruppe der Anfängerinnen. Etwas traurig schaue ich zu meinen Mitstreiterinnen bei den Fortgeschrittenen, die sich souverän auf diesem Terrain bewegen. Aber ich halte durch und bin etwas getröstet, als ich in der Mittagspause höre, dass auch andere Frauen Schwierigkeiten mit rechts, links, oben, unten und dem ständigen Seitenwechsel haben. Was für ein Glück! Ich bin nicht allein mit meinen Problemen.
Nach dem Mittag steht Freikampf auf dem Plan. Birgit erheitert uns bei der schweißtreibenden Erwärmung mit ihren unnachahmlichen RELAX-Rufen. Wir grinsen, aber das Wasser läuft uns schon nach den ersten Minuten in Strömen am Körper herunter. Es wird noch schlimmer, als es dann richtig zur Sache geht. Wir haben uns in Vierergruppen zusammengefunden. Davon soll sich jetzt jeweils ein Paar gegenüber stehen, um sich einen Fight zu liefern. Die anderen Beiden fungieren als Coach. Meine Gruppe nimmt das Ganze, wie angesagt, ziemlich relaxt und so habe ich Spaß. Allerdings ist es unheimlich warm. Alle sind klatschnass. Selbst als ich dann als Coach antrete, spüre ich wie mir die Schweißtropfen über Gesicht und Rücken rinnen. Da kommt mir die Pause dann mehr als nur recht.
Eine Viertelstunde ist nicht lang. Und abgekühlt hat es sich nicht. Wie denn, wenn es draußen Hochsommer ist? Trotzdem geht es weiter. Aikido-Trainerin Jenny erklärt uns nach der obligatorischen Sequenz aus Erwärmung und Dehnung die heutige Aufgabe. Sie lautet: Abwehr eines Messerangriffs. Das klingt dramatisch, ist es aber nicht, denn es handelt sich um einen vorgeschriebenen Ablauf. Außerdem sind unsere Übungsmesser aus Holz. Die Verletzungsgefahr ist also ziemlich gering. Allerdings bedeutet „vorgeschriebener Ablauf“, dass der Kopf einen nicht geringen Anteil am Erfolg der Übung hat. Bei mir dauert es wieder einmal eine ganze Weile, bis die Füße dort stehen, wo sie auch stehen sollen. Zwischendrin zeigt uns Jenny immer wieder, wie man mit wenig Kraft und flinken Drehungen seinen Gegner zu Fall bringen kann. Was sie so elegant vorführt, fällt den Meisten von uns nicht ganz so leicht. Trotzdem liegen die ersten schnell auf dem Boden. Natürlich heißt es auch hier, dass die Übung den Meister macht. Zwischendurch werden wir immer wieder zusammen gerufen und auf mögliche Haltungsfehler aufmerksam gemacht. Die Art in der uns Jenny das erklärt ist unnachahmlich. An ihr ist glatt ein Pantomime verloren gegangen. Und  so haben wir trotz aller Anstrengungen noch jede Menge zu Lachen.

Freitag, 27.07.2018

Nun beginnt der letzte Trainingstag. Wie schnell ging das denn? Uns bleibt aber keine Zeit, um Wehmut aufkommen zu lassen. Heute werden alle Trainings kürzer und intensiver. Wir beginnen unter Lydias Anleitung mit dem Stockkampf. Ich komme mit meiner holländischen Partnerin gut zurecht und bin ganz stolz auf meine Fertigkeiten. Endlich beherrsche ich die richtige Abfolge. Was für ein tolles Gefühl.
Uns bleiben fünf Minuten Pause um uns zu dehnen und Li übernimmt das Zepter. Heute sollen wir alle drei Tritte aus den vorangegangenen Tagen zu einer Sequenz zusammenfügen. Meine Partnerin bei dieser Übung leitet in ihrem Stil schon seit Jahren erfolgreich eine eigene Übungsgruppe. Das kann ja nur peinlich werden, befürchte ich. Aber es klappt erstaunlich gut mit uns beiden. Ich mache mir keine Illusionen. Es liegt garantiert nicht an mir, sondern an meiner geduldigen Trainingspartnerin. Von ihr bekomme ich hilfreiche Hinweise und schaffe sogar einige gesprungene Tritte, die nicht ganz so murklig aussehen wie am Vortag.
Nach einer kurzen Rast tönt Birgits RELAX wieder durch die Halle. Wir streifen die Schützer über und beginnen mit dem Freikampf. Mal greift die eine an, mal die andere. Partnerinnenwechsel. Weiter. Wechsel. Weiter. Der Schweiß läuft. Es ist anstrengend. Trotzdem bleibt noch Zeit um ab und zu mal über die eigene Ungeschicklichkeit zu lachen.
Aikido mit Jenny macht den Abschluss. Körperlich fahren wir etwas herunter. Die Techniken sind nicht ganz so schweißtreibend, aber dafür ist der Kopf mehr gefordert. Der ist inzwischen natürlich auch nicht mehr zu Hochleistungen fähig. Trotzdem schaffen wir es, die Bewegungsabläufe, die uns Jenny in ihrer humorigen Art vorgibt, einigermaßen korrekt nachzustellen. So etwas wie Stolz stellt sich ein.
Und dann ist es plötzlich vorbei. Die Zeit ist um. Kaum zu glauben wie schnell die Woche vorüber ging. Wir sitzen im Kreis, um uns voneinander zu verabschieden. So viele unterschiedliche Frauen, verschiedene Stile und sogar Sprachen! Wir waren uns einige Tage ganz nah –und jetzt verstreut uns das Leben wieder in alle vier Winde. Wehmut macht sich breit, als wir uns bei den Trainerinnen, Helfern und auch beieinander bedanken. Vielleicht sieht man sich irgendwann und irgendwo einmal wieder. Vielleicht aber auch nicht. Diese Tage im Juli kann uns jedoch keiner mehr nehmen.

 

Kurzgeschichte

Dreiklang: Drei Worte – Drei Genres (2)

Das habe ich nun davon – ich wollte ja unbedingt ein Mitmach-Projekt!
Darum habe ich auf meiner Facebook-Seite einen Aufruf gestartet bei dem ich jeweils 3 Begriffe suche. Bekommen habe ich diese Wörter:
Surfbrett, Achterbahn, Hasenstall, Lebewesen, Badewanne, Birkenfeige, Werkzeuge, Sperrmüll, Autoreifen, Sonnenbrille, Sonnenstuhl, Baguette, Rotwein, Iltisbau, Wlan-Router, Küchenreibe, 
Mein Dank geht an: Diana Richter, Birgit Geiger, Ute Dippel, Martina Kastrati und Karin Toedtloff
Ehrlich gesagt hatte ich mit Badewanne, Werkzeuge und Rotwein am liebsten gearbeitet.
Aber was habe ich gelost?
Achterbahn, Birkenfeige und (Haltet euch fest!) Iltisbau! 
Und dabei sitzt mir heute die Zeit im Nacken und ich muss mich beeilen, weil ich noch andere Aufgaben zu erledigen habe. Also an die Arbeit!
1. Liebesroman
Edith schloss die Tür zu der Wohnung im Dachgeschoss auf. Ein penetranter Geruch kam ihr entgegen. Das roch ja hier wie im Iltisbau! Sie unterdrückte den Würgereiz und stürmte zum nächsten Fenster, um es weit aufzureißen. Aufatmend lehnte sie sich hinaus und riss erstaunt die Augen auf. Natürlich hatte sie gewusst, dass sie sich im letzten Haus in der Straße befand, aber mit diesem Anblick hatte sie nicht gerechnet. Ihr Blick fiel auf einen etwa 20 Meter breiten Streifen einer wilden Wiese und danach begann der Wald. Dort standen Tannen, die waren höher als das Fenster der Mansardenwohnung, aus dem sie blickte. Ein Duftgemisch aus feuchter Erde, Harz und etlichen Nuancen, die sie nicht benennen konnte, wehte zu ihr herüber. Sie seufzte tief. Für diesen Ausblick schien es sich tatsächlich, gelohnt zu haben, dass sie diese Behausung ohne vorherige Besichtigung gemietet hatte. „Wer macht denn schon so was Bescheuertes?“, glaubte sie, die Stimme ihrer Mutter zu hören. „Nun dreh dich schon um und schau dir an, in was für einer Bruchbude du gelandet bist.“, höhnte es in ihrem Kopf weiter. Energisch schüttelte Edith den Kopf, ganz so als könne sie die bösen Gedanken vertreiben. Nach einem letzten Blick auf den Wald wandte sie sich um. Zumindest wollte sie am Fenster stehen bleiben, bis sie sich etwas an den Gestank gewöhnt hatte. In ihrer Panik beim Hereinkommen war sie in der Küche gelandet. Hier gab es nur einen Herd, einen uralten Schrank, einen Tisch mit zwei Stühlen und eine Spüle. Dort schien auch die Ursache des furchtbaren Geruchs herzukommen. Sie wagte einen Schritt nach vorn und spähte vorsichtig in das rechte Becken. Tatsächlich. Dort stand ein Topf mit irgendetwas Undefinierbaren, dass anscheinend dabei, war in flauschiger Pilzform über den Rand zu wachsen. Na wenigstens war es kein totes Tier, was da verweste, sondern nur das vergessene Essen des Vormieters. Erleichtert wagte sie sich durch den quadratischen Flur in das Zimmer, welches wahrscheinlich als Wohnzimmer gedacht war. Es war bis auf eine vollkommen vertrocknete Birkenfeige leer. Auch das Minibad mit Toilette und Dusche bot zu Glück keine weiteren unangenehmen Überraschungen.
Das Ganze war nicht toll und auf keinen Fall mit ihrer bisherigen Wohnung zu vergleichen. Aber alles erschien ihr besser, als noch weiter mit Max zusammen zu wohnen. Falls sie die Ärmel hochkrempelte und etwas putzte, dann könnte sie hier die nächsten Tage gut überleben. Und wenn sie erst einmal diesen ekligen Topf entsorgt hätte, dann würde sicher auch der Gestank verschwinden. Immerhin konnte sie das Fenster Tag und Nacht offenlassen. Wer bei ihr einsteigen wollte, der müsste schon ein geschickter Fassadenkletterer sein.
Noch am Abend desselben Tages wuchtete Edith einen schweren Koffer nach oben. Er enthielt neben einigen Wechselsachen eine Luftmatratze. Auf der würde sie in den kommenden Nächten schlafen. Es lohnte sich nicht, ein Bett aufzustellen. In weniger als drei Wochen war sie weg. Weg aus dieser Stadt, weg aus diesem Land.
Nachdem sie ihr Schlaflager aufgebaut hatte, ging sie in die Küche und goss sich ein Glas Wasser ein. Sie setzte sich an den Tisch und holte einen Brief aus ihrer Jeans. Er war zerknittert und zerrissen. Als sie ihn glättete, fuhren ihre Gefühle Achterbahn. Max hatte ihn geöffnet, weil er sich wunderte, wieso sie einen Brief aus Dänemark bekam. Was er dort zu lesen bekam, gefiel ihm nicht. Er bekam auf der Stelle einen seiner gefürchteten Wutausbrüche. Bisher waren seine Brüllattacken zwar unangenehm gewesen, aber sie waren nicht in Handgreiflichkeiten ausgeartet. Diesmal war es anders. Er packte und schüttelte sie, während er schrie. Noch nie hatte sie solche Angst verspürt. Hals über Kopf rannte sie davon. Zum Glück wusste sie von dieser Mansardenwohnung, die den Eltern ihrer Freundin Karin gehörte. Es brauchte nicht viel Überredungskunst, den Schlüssel zu bekommen. Man sah ihr an, dass sie keinesfalls in die gemeinsame Wohnung zurückkehren konnte. Zu ihren Eltern konnte sie nicht, denn ihre Mutter vergötterte Max und sah nicht einen seiner Fehler. Sie würde sie postwendend zurückschicken und war noch nie eine Hilfe gewesen, wenn es um die zahlreichen Streitigkeiten zwischen dem jungen Paar ging. Sie stand immer auf der Seite ihres Schwiegersohnes in spe, wie sie Max liebevoll nannte. Wie es Edith in dieser Beziehung ging, war ihre egal. Ein Doktor und eine Kindergärtnerin. Da solle sie doch froh sein, einen solchen Mann zu bekommen!
Innerlich hatte sich Edith schon lange aus dieser Beziehung verabschiedet, auch wenn ihr der letzte Schritt noch schwerfiel. Um einen Schnitt zu machen, bewarb sie sich daher auch heimlich in einem dänischen Kinderheim. Und genau diese Zusage war Max in die Hände gefallen. Irgendwie war es ja auch verständlich, dass er sich hintergangen fühlte. In weniger als drei Wochen würde sie ihren neuen Job in einem anderen Land antreten.
Ob der Chef, der sich als Lars vorgestellt hatte, auch so nett war, wie er über Skype rüber kam? Mit diesem Gedanken legte sie sich auf ihr provisorisches Nachtlager und schlief sofort ein. Sie träumte vom Meer, von lachenden Möwen und einem blonden Dänen, der sich schon ein wenig in ihr Herz geschlichen hatte.
2. Krimi
Kommissar Medved grummelte wütend vor sich hin. Wieso hatte er sich bloß dazu überreden lassen, wieder einmal den tollen Papa zu spielen? Während seine Tochter und ihre affige Freundin eine Attraktion nach der anderen auf dem Rummelplatz ausprobierten, stand er sich hier die Beine in den Bauch. Er wäre viel lieber mit Lisa allein gewesen, hätte sich mit ihr unterhalten und die gemeinsame Zeit für etwas genutzt, was wirklich gut für eine Vater-Tochter-Beziehung war. Stattdessen zog er mit zwei Halbwüchsigen von Bude zu Bude. Die Mädchen waren heute wieder einmal nicht zu bremsen. Sie kicherten und gackerten die ganze Zeit. Und alles mussten sie ausprobieren. Achterbahn,Riesenrad, Gespensterbahn. Und er konnte bezahlen. Die Preise waren ja ganz schön saftig! Wer hier mit drei oder mehr Kindern hinging, der konnte ein kleines Vermögen auf dem Platz lassen. Zwei Kinder reichen auch schon, um jemanden in den Ruin zu treiben, dachte er missmutig, und beobachtete wie die Beiden sich am Schießstand drängelten. So ein Schwachsinn! Geld ausgeben für Papierblumen, die dann doch über kurz oder lang im Müll landen würden. Oder noch schlimmer. Nach dem letzten Rummelbesuch hatte seine Tochter den Ficus in seinem Büro mit den albernen Blumen geschmückt. Die Kollegen hatten ihn tagelang aufgezogen, womit der denn seine Birkenfeige gedüngt hätte, dass sie Blüten trägt. Medved verzog das Gesicht. Doch er riss sich zusammen, als die Mädchen zurückkamen und lächelte gekünstelt. „Na habt ihr Spaß“, fragte er und wollte die Antwort eigentlich gar nicht wissen. „Jetzt gehen wir zur Wahrsagerin“, flüsterte seine Tochter aufgeregt und zog ihn mit sich fort. „Auch das noch!“, murmelte er, als er den saftigen Preis für zwei Tickets bezahlte. Es dauerte etwa zehn Minuten, als die kleinen Gänse wieder kichernd aus dem Zelt der Sibylle kamen. Was für ein schönes Leben doch auf sie warten würde, schnatterten die Mädchen aufgeregt. „Papa, du musst unbedingt auch hinein gehen!“, forderte ihn sein Kind auf. „Oh ja, oh ja“, fiel die Freundin ein. Der Kommissar wusste, dass er keine Chance gegen die Beiden hatte, bezahlte und schob seufzend den Zelteingang beiseite. Drinnen war es genauso, wie er es erwartet hatte. Eine Frau unbestimmbaren Alters, mit bunten Kleidern und übermäßig viel falschem Schmuck behangen, saß hinter einem Tisch mit einer Glaskugel. Medved nahm ihr gegenüber Platz und schüttelte sich innerlich. Auf ihrer Schulter saß ein Frettchen. In der Scheune seines Elternhauses hatte einmal ein Iltis gewohnt. Als das Gebäude irgendwann abgerissen wurde, hatte der längst verlassene Iltisbau immer noch fürchterlich gestunken. Wie konnte man sich nur freiwillig mit so einem Tier abgeben? Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, hatte die Wahrsagerin seine Hand genommen und hineingeblickt. „Du stellst die falschen Fragen“, meinte sie zu ihm. Er sah sie erstaunt an. Was meinte sie damit? „Es geht nicht immer um Geld. Was ist manchen Menschen wichtiger als Reichtum?“ Die Hexe schwieg eine Weile und lies seine Hand los. „Warum bist du mit den Mädchen auf den Rummelplatz gekommen?“ Er antwortete nicht. „Du wolltest der Gute sein, der Papa der Kinderträume erfüllt. Es sollte perfekt nach außen sein. Wenn Lisa nach Hause kommt, soll sie deiner geschiedenen Frau erzählen wie toll, der Nachmittag mit ihrem lieben Vati gewesen ist.“ Woher wusste sie, dass er geschieden war und wie seine Tochter hieß? Doch dann begann er über seine Naivität den Kopf zu schütteln. Natürlich. Die Kinder waren doch vor ihm bei der Wahrsagerin gewesen! Beinahe wäre er auf diese Betrügerin reingefallen. Doch da für sie schon fort: „Ich weiß, dass du lieber in deinem Büro sitzen würdest, um an dem Fall der ermordeten Frau vom Vorstandsvorsitzenden Krämer zu arbeiten. Aber du wolltest den Schein aufrechterhalten, dass dir deine Verpflichtungen dem Kind gegenüber wichtiger sind. Obwohl es nichts bringt, wenn diese fürchterliche Babsi mit dabei ist. Und genau das ist es, was manche Menschen dazu treibt, Sachen zu machen, die nicht richtig sind. Nach außen soll alles perfekt sein. Und dafür verbiegen sich einige Leute und andere Typen gehen sogar über Leichen.“ Medved stand auf. Es reichte ihm. Natürlich war in der Tageszeitung ein ausführlicher Bericht über den Mord an der Industriellengattin gewesen. Sicher wusste die Alte daher, dass er die Ermittlungen leitete. „Betrügerin“, murmelte er noch im Hinausgehen. Doch die Frau rief ihm hinterher: „Vielleicht wusste der Krämer das von dem Reitlehrer und seiner Frau? Hast du das Mal in Erwägung gezogen? Wie ich sagte: Die Menschen machen so einiges, um den Schein zu wahren.“
Der Kommissar stutzte. Bisher waren er und seine Kollegen davon ausgegangen, dass Frau Krämer das Opfer eines Raubmordes gewesen sei. Hauptverdächtiger war der Reitlehrer, denn bei ihm fand man eine wertvolle Kette der Toten und eine ihrer Kreditkarten. Was aber, wenn man ihm das untergeschoben hatte? Medved rieb sich das Kinn. Der Reitlehrer war ziemlich am Boden zerstört, als man ihm mit dem Mord an seiner Schülerin konfrontierte und regelrecht zusammengebrochen. Vielleicht war das kein Schuldgeständnis, wie man vermutete? Sein Alibi war nicht ganz wasserfest, denn er arbeitete zur Tatzeit allein in der Reithalle, um ein neues Pferd zu trainieren. Wo aber war Krämer gewesen, der jetzt den trauernden Hinterbliebenen spielte. Vielleicht sollte er seine weiteren Ermittlungen in diese Richtung lenken? In seiner Laufbahn war es oft genug vorgekommen, dass es nicht so war, wie es auf den ersten Blick aussah.
Mit den maulenden Mädchen im Schlepptau strebte Kommissar Medved rasch dem Ausgang zu.
3. Fantasy
Marla schüttelte sich vor Ekel. Da hatte sie doch tatsächlich in eine Kröte gefasst! Was für eine blöde Idee das Artefakt ausgerechnet in einem Iltisbau zu verstecken! Jeder in ihrer Familie wusste, dass die kleinen Räuber diese warzigen Lurche mit einem Nackenbiss lähmten und dann fangfrisch in ihren Vorratslagern aufbewahrten. Ihr Vater war Spezialist für alle Raubtiere des heimischen Waldes, die kleiner als ein Fuchs waren. Er konnte stundenlang darüber erzählen, ohne dass es den Zuhörern langweilig wurde. Doch jetzt war er schon über zwei Jahre tot und seine Stelle versuchte gerade dieser unsympathische Rudolf einzunehmen. Der wollte Rudi genannt werden und sich alles unter den Nagel reißen. Die Mutter, das Haus und natürlich auch die Besitztümer, die einmal Marlas Vater gehört hatten. Das, was sie jetzt suchte, hatte sie gerade noch vor ihm in Sicherheit bringen können. Vor einigen Wochen ging er ins Arbeitszimmer ihres Vaters, stellte seine Bücher ins Regal und belegte den Schreibtisch mit Beschlag. „Was kuckst du so?“, fuhr er sie an, als sie ihm entsetzt dabei zusah. „Das ist jetzt mein Büro. Hier werde ich arbeiten, wenn ich bei euch eingezogen bin.“ Dann eilte er mit wichtiger Miene nach draußen, um einen Karton mit seinem Schreibkram zu holen. Diese kurze Zeit hatte Marla genutzt um das kleine silberne Kästchen vom Regal zu nehmen und im Topf der riesigen Birkenfeige, die in der Zimmerecke stand, zu verbergen. Es war Sommer und sie hatte nur einen kurzen Rock und ein leichtes Top an. Da gab es nichts, wo sie den wertvollen Schatz hätte verstecken können. Zum Glück war die Erde des Ficus mit Moos bedeckt, unter das sie das Kästchen schieben konnte. Er durfte es auf keinen Fall in die Hände bekommen. In der Nacht darauf war sie aufgestanden und hatte das Artefakt geholt und im Iltisbau versteckt. Dummerweise war diese Stelle, in der sie jetzt herumtastete, vor einer Woche noch leer gewesen. Daher hatte sie gedacht, dass es ein prima Aufbewahrungsort sei.
Sie überwand ihren Ekel vor den gelähmten Kröten und tastete weiter. Endlich spürte sie etwas Metallisches. Da war es! Marla wischte es mit dem Ärmel ihrer Strickjacke sauber. Vor Kurzem war ein kräftiger Regenguss heruntergekommen und die Luft war sauber und kühl. Der Vollmond stand hell und tröstend am Himmel. Es war genau die richtige Zeit und das passende Wetter. Jetzt durfte sie keine Zeit mehr verlieren. Wenn man sie vermissen und nach ihr suchen würde, dann konnte sie die Sache vergessen. Es würde ewig dauern, bis alle nötigen Gegebenheiten wieder so ideal für ihr Vorhaben waren. Und vielleicht nahm man ihr auch noch das Kästchen ab. Mit raschen Schritten eilte sie in den Wald. Der Mond leuchtete zwischen die Bäume, aber auch ohne seinen Schein hätte sie den Weg gefunden. Sie war ihn sicher schon tausendmal gegangen. Nach etwa einer halben Stunde blieb sie auf einer Lichtung stehen. Sie holte tief Luft und warf einen letzten Blick auf das Artefakt. Was für eine komische Bezeichnung für so ein Kästchen, dachte sie nicht zum ersten Mal. Ihr Vater hatte es so genannt. Als er krank wurde, zeigte er es ihr und erklärte, was sie damit machen sollte. Wenn das Wetter und der Mond günstig wären, könnte ihr dieses auf den ersten Blick recht unscheinbare Teil aus großer Not helfen. Das war jetzt aber auch wirklich nötig. Rudi und ihre Mutter hatten vor einer Woche geheiratet. Gestern Abend war sie, weil sie nicht schlafen konnte, noch in die Küche gegangen, um sich etwas zu trinken zu holen. In den Tagen vor und nach dem Vollmond bekam sie immer Probleme mit dem Einschlafen. Dabei ging sie an der angelehnten Tür des Wohnzimmers vorbei und hörte, wie Rudi ihre Mutter überzeugen wollte, Marla in ein Internat zu geben. Sie sollte fort von hier! Der Wald, die Tiere und das Grab ihres Vaters waren doch alles, was ihre Welt ausmachte. Niemals würde sie in eine Schule für Mädchen gehen! Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie lief weg oder sie probierte diese Sache aus, von der sie so gar nicht überzeugt war. Was soll es, dachte sie sich und öffnete das Kästchen.
Da drinnen lag ein winziges Ei. Marla sah sich suchend nach einer geeigneten Stelle um. Es müsse weiches, feuchtes Moos sein, das vom Schein des Vollmondes wie Silber glänzen würde, hatte Vater gesagt. Nach kurzer Zeit entdeckte sie den perfekten Platz und legte das kleine Ei dort ab. Dann stach sie sich mit der mitgebrachten Nadel in den Finger und ließ drei Blutstropfen auf die makellose weiße Schale fallen. Diese veränderte sich augenblicklich und schien Risse und Brüche zu bekommen. Gleichzeitig blähte sich das Ei auf. Sie trat erschrocken einen Schritt zurück. Es schien tatsächlich zu funktionieren. Als das Ei ungefähr die Größe eines Fußballs hatte, veränderte es sich erneut. Die Schale wurde dunkel, fast schwarz und schient trotzdem von innen zu leuchten. Jetzt war die Zeit gekommen um die magischen Worte zu sprechen. Hoffentlich verwechselte sie nichts. Vor Aufregung schien ihr Magen Achterbahn zu fahren. Sie schlucke und sprach dann mit zitternder Stimme, die drei Verse aus dem Buch der Schatten, die ihr Vater ihr beigebracht hatte.
Als sie fertig war, geschah zuerst einmal nichts. Marla wollte schon verzweifeln. Hatte sie etwas verdreht oder falsch ausgesprochen? Doch dann gab es einen leisen Plopp, das Ei zerbrach und heraus kam ein seltsames kleines Fabelwesen. Es sah aus wie eine Katze mit drei Schwänzen, hatte Flügel und den Kopf eines Fisches. „Hallo Marla“, sagte es mit heiserer Stimme. „Wird ja Zeit, dass du mich endlich aufweckst. Ich hatte schon viel früher mit dir gerechnet. Warum hast du diesen schrecklichen Rudi überhaupt so lange ertragen?“
Dem Mädchen fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Wer bist du? Oder was bist du?“ Das seltsame Geschöpf sah an sich herunter, grinste, soweit ein Fischmaul grinsen kann, und schüttelte sich dann. Sogleich verwandelte es sich in ein kleines Männchen. „Ich bin ein Kobold, der sich gern einmal einen Scherz erlaubt. Gibt zu, du hast nicht schlecht gestaunt, als du dieses dreischwänzige, geflügelte Katzenfischdings erblickt hast. Mit meiner echten Gestalt hinterlasse ich niemals so einen gewaltigen Eindruck.“ Der kleine Kerl grinste geradezu unverschämt. Doch dann verbeugte er sich „Mein Name ist Arlo. Ich bin ein Freund deines Vaters und ich bin gekommen, um dich nach Rosenhort zu begleiten.“
„Ich verstehe gar nichts“, meinte Marla, als sie von fern Rufe durch den Wald schallen hörte. „Sie suchen nach dir“, meinte Arlo. „Es ist Zeit, das wir verschwinden.“ Er wandte sich um und lief schneller, als man es ihm je zutrauen würde, davon. „Kommst du? Oder willst du doch ins Internat?“, rief er ihr über die Schulter zu. Das Mädchen schüttelte den Kopf und folgte dem Kleinen, der schon fast hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden war. Es war verrückt, das zu tun! Aber alles war besser als ins Internat zu müssen.