Kurzgeschichte

Der alte Druide und der junge Mönch


Eines Tages, vor langer Zeit, ging der alte, von der Last seiner Jahre gebeugte Druide Latharn einen schmalen Waldweg entlang. Ihm kam ein junger, forscher Diener des neuen Gottes entgegen. Der forderte mit lauter Stimme den Alten auf, ihm Platz zu machen und ihm zudem noch die Ehre zu erweisen.
Als der Druide nur missbilligend den Kopf schüttelte, da wurde der Mönch wütend. „Geh beiseite du alter Tropf! Deine Zeit ist vorbei! Du und deine verschlissen Götter, ihr habt hier nichts mehr zu melden. Jetzt zählt allein unser Gott. Der ist die Wahrheit und das Gesetz. Also hurtig, mache mir den Weg frei!“
Da wurde Latharn zornig ob des vorlauten Verhaltens des Jüngeren und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
„Was erlaubst du dir!“, begann er mit Donnerstimme, sodass sein Gegenüber erstaunt ob des ungewohnten Widerstandes zusammenzuckte.
„Dein Gott ist viel jünger als unsere alten Götter. Er ist allein und wir haben viele. Sie sind alt, weise und gütig. Aber glaube nicht, dass sie nicht auch grimmig werden können.
Dein Gott, auf den du dich in deinem Hochmut berufst, der hat alle Hände voll zu tun, um zu begleichen, was ihr in eurem Übermut anrichtet. Wahrlich er tut mir leid. So viele von euch machen in seinem Namen aus Unwissenheit und falschen Eifer großen Schaden. Ihr seid euch ja nicht einmal einig über seinen Willen.
Predigt nicht auch euer Gott Liebe und Verständnis? Und was tragt ihr davon in die Welt hinaus?
Solange ihr aus falsch verstandenem Ehrgefühl dieses Teil seines Wesens beiseiteschiebt, werdet ihr niemals in Frieden miteinander, geschweige denn mit Andersdenkenden, leben.“
Latharn stampfte mit seinem Stab auf den Boden und schaute den Mönch mit stechendem Blick in die Augen. »Wisse du Narr, seine Götter trägt man im Herzen und nicht mit der Wut im Bauch.«
So sprach der Alte und verschwand.
Der Jüngere blieb verblüfft zurück.
Aber niemand weiß, ob die Worte des Druiden auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

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